Der Staubwirbel über Großbritanniens brennendem Gewissen
Es gibt Szenen, die wie Vorboten wirken, und Szenen, die man erst im Nachhinein als solche erkennt. Über dem Parkplatz eines Farmladens in England drehte sich dieser Tage ein Staubwirbel zu sich selbst empor, ein kleiner Tornado aus Hitze und ausgetrockneter Erde, beobachtet von Menschen, die darin nichts sahen als eine Kuriosität, die das Wetter ihnen offerierte. Dass die Atmosphäre selbst in einem Land wie Großbritannien plötzlich beginnt, sich aufzutürmen, sich zu drehen, kleine Fahrzeuge anzuheben und ein Stück weit mit sich zu reißen — dass dies geschieht am Beginn der dritten Hitzewoche, nach dreißig Tagen ohne Regen, mit Waldbränden, die weiterhin brennen, mit einer Rekordhitze, die nach übereinstimmender Prognose noch zehn weitere Tage andauern wird — diese Verbindung wird in den Nachrichten vermerkt wie eine meteorologische Randnotiz, nicht aber als das Eingeständnis eines Staates, der seine eigene Erschöpfung nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen bereit ist.
Denn es fährt sich hinaus aus dem Land. 3,4 Millionen Autofahrer haben sich am vergangenen Wochenende auf die Straßen begeben, 7.000 Fahrzeuge allein durch Dover, und wer die Bilder sieht, die Karawanen aus Wohnwagen und klimatisierten Limousinen, der mag glauben, dies sei der ganz normale Sommerurlaub der Briten. Wer genauer hinsieht, erkennt eine kollektive Bewegung, die das Wort «getaway» mit gutem Grund trägt. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land. Wer es sich nicht leisten kann — die alte Frau im Reihenhaus ohne Ventilator, der Tagelöhner, dessen Schlafzimmer unter dem Ziegeldach liegt, der Krankenpfleger auf dem Weg zur Schicht in einem ohnehin überhitzten Krankenhausflur —, bleibt zurück in einer Hitze, die niemand bestellt hat und die niemand ernsthaft zu verantworten gewillt ist.
Die nationalen Warnsignale liegen seit Jahren auf dem Tisch. Die Climate Change Committee hat ihre Berichte veröffentlicht, die Umweltbehörden ihre Lageeinschätzungen, die Wissenschaft ihre Modelle, die Kommunalverwaltungen ihre angemahnten Notfallpläne. Es ist dies die Mechanik eines Staates, der Dokumente produziert, sorgfältig formuliert, in wohlgesetzten Worten besiegelt und im eigenen Hause sogleich wieder vergessen. Die Hitzewelle ist keine Überraschung; sie ist die Summe aus Jahrzehnten der Aufschiebung, aus der chronischen Unterfinanzierung der Feuerwehren, aus einer Wohnungspolitik, die Wärmedämmung als nachrangiges Detail behandelt, aus einer Verkehrspolitik, die den öffentlichen Nahverkehr so lange kaputtgespart hat, bis er im Hitzesommer selbst zur Belastung wird.
Was wir sehen, ist nicht das Versagen eines einzelnen Ministers oder einer einzelnen Partei. Es ist die schleichende Verwahrlosung eines Systems, in dem Verantwortung so lange weitergereicht wird, bis sie niemand mehr besitzt. Die Waldbrände löschen Feuerwehren, deren Kapazitäten seit langem als chronisch unterfinanziert beschrieben werden. Die Hitzepläne für Schulen und Pflegeheime, die es geben sollte, werden aktiviert, als handle es sich um eine Übung und nicht um die Realität einer Generation, die mit dieser Realität wird leben müssen. Die politische Klasse tritt im Fernsehen auf, kondoliert den Betroffenen, kündigt Untersuchungen an, die nie beginnen werden, und verspricht Maßnahmen, deren Umsetzung in der nächsten Legislaturperiode liegen wird, also in jener fernen Zukunft, in der niemand mehr zählen kann, wer was wann versprochen hat.
Es sind immer dieselben, die bezahlen. Die Landarbeiterin, deren Ernte verbrennt. Der Sozialmieter, dessen Wohnung zur Sauna wird, weil das Mietrecht den Vermieter nicht zwingt, für Kühlung zu sorgen. Die Kinder, die in Schulgebäuden schwitzen, die für ein Klima errichtet wurden, das es so nicht mehr gibt. Die Krankenschwester, die dehydriert ihrer Arbeit nachgeht, weil das Krankenhauspersonal ohnehin am Limit arbeitet und Überstunden längst nicht mehr erfasst werden. Es sind diejenigen, die keine Lobbyisten schicken, keine Pressekonferenzen geben, keine Memoiren schreiben. Es sind diejenigen, über deren Schicksal entschieden wird in Räumen, deren Klimaanlagen verlässlich auf sechzehn Grad stehen.
Der Staubwirbel über dem Parkplatz jenes Farmladens hat sich gelegt, als hätte es ihn nie gegeben. Die Autos stehen wieder ordentlich. Das Wetter geht weiter. Die Verantwortlichen gehen weiter zur Tagesordnung. Nur die Hitze bleibt, und mit ihr die Frage, die niemand zu stellen wagt, weil die Antwort zu teuer wäre: Wer zahlt den Preis für ein Versäumnis, das nicht erst heute begonnen hat?
Großbritannien schwitzt also. Es schwitzt, weil es sich weigert, die Konsequenzen seines eigenen Tuns zu tragen. Es schwitzt, weil die Mächtigen es sich leisten können, anderswo zu sein. Und es schwitzt, weil eine kleine Windhose über einem Parkplatz mehr Wahrheit enthielt, als jede Pressekonferenz es je vermochte.