Kanzlers?
Eine Sommertour mit dem Namen "Österreich im Gespräch" rollt durch die Republik. Bundeskanzler Christian Stocker ist unterwegs, am einen Ende der Skala nach Schwarzenberg im Bregenzerwald mit seinen 1.931 Einwohnerinnen, am anderen nach Graz mit seinen 306.971. Die Etappen sind lang, die Routen sorgfältig geplant, die Symbolik einstudiert. Ein Kanzler, der zuhört. Ein Bundeskanzler, der die Mitte der Republik sucht. Das Bild ist vertraut, die Inszenierung erprobt.
Was in diesem Bild fehlt, ist die Zahl.
Denn was auf der Bühne wie ein Bürgergespräch wirkt, ist eine logistische Operation. Personal, Reisen, Sicherheit, Aufbau, Veranstaltungstechnik, Kommunikation. Eine Sommertour ist kein Sonntagsspaziergang. Sie ist eine Produktion, und Produktionen haben ihren Preis. Die Frage, wer diesen Preis trägt, wird in den einschlägigen Presseaussendungen mit jener Nonchalance behandelt, die dem Steuerzahler gebührt, der ohnehin keine Wahl hat.
Das Bundeskanzleramt, so darf man annehmen, wird Auskunft geben. Die Auskunft, die es geben wird, ist jene, die es geben will. Welche Mittel aus welchen Budgetposten fließen, ob die Tour im ordentlichen Budget abgebildet ist oder über Sondermittel, über Sachkredite, über jene Posten, in denen sich die staatliche Öffentlichkeitsarbeit so gerne versteckt, wenn Parlament und Rechnungshof nicht hinschauen, das bleibt im Nebel. Die Reise nach Schwarzenberg ist keine Dienstreise im klassischen Sinn. Sie ist eine Inszenierung, und Inszenierungen werden in den Büchern anders geführt als eine Sitzung am Ballhausplatz.
Eine Sommertour, die den Kanzler in Gemeinden mit zweitausend Seelen trägt, erfordert Vorlauf. Sie erfordert Kommunikationsberatung, sie erfordert eine Regie, die weiß, welcher Bürgermeister wann vor welches Mikrofon tritt. Sie erfordert ein Konzept, das die mediale Verwertbarkeit jeder Station im Vorhinein kalkuliert. All das ist nicht gratis. All das ist nicht einmal annähernd gratis. Es ist die stille Professionalisierung der politischen Selbstdarstellung, und sie tarnt sich als Bürgernähe.
Dass der Kanzler ausgerechnet im Bregenzerwalddorf und in der zweitgrößten Stadt des Landes Station macht, hat seine eigene Logik. Die eine Station liefert das Bild der Bescheidenheit, die andere das Bild der Reichweite. Beide Bilder werden in derselben Tour geliefert, beide sollen dasselbe erzählen: dass der Kanzler überall ist. Überall zu sein, ist ein aufwendiges Geschäft. Es verlangt Konstanz im Auftreten, Wechsel im Personal, Pünktlichkeit in der Logistik. Es verlangt vor allem eines: Geld. Wessen Geld, sagt die Aussendung nicht.
Die Frage, die hier zu stellen ist, ist nicht die einer vermeintlichen Verschwendung. Sie ist strukturell. Eine Sommertour, die den Anspruch erhebt, die Republik abzubilden, ist eine öffentliche Aufgabe. Eine öffentliche Aufgabe hat in der Öffentlichkeit ihre Zahlen offenzulegen. Tut sie das nicht, entsteht genau jenes Misstrauen, das jede Regierung aufreibt, die das Politische schöner inszeniert als das, was sie zu leisten hat.
Stocker fährt also weiter. Von Schwarzenberg nach Graz, vom Bregenzerwald in die steirische Murmetropole. Die Kamera hält fest, die Hand wird geschüttelt, das Mikrofon gereicht. Was nicht gezeigt wird, ist die Rechnung. Und die Rechnung, das haben wir aus jeder Vorlage des Rechnungshofes gelernt, ist es, die am Ende jeder politischen Inszenierung ihre wahre Höhe offenbart.
Wer zahlt? Darüber schweigt die Sommertour. Schweigen, das haben wir aus jedem Aktenstudium gelernt, ist selten ein Versehen. Es ist eine Antwort.