Kiew tauscht die Minister, Moskau tauscht die Bomben
Wer verstehen will, was ein Präsident bewegt, wenn er sein Kabinett zerlegt, der schaue nicht auf die Namen, sondern auf die Richtung, in die sie geschickt werden. Wolodymyr Selenskyj hat in diesen Tagen eine jener Regierungsumbildungen vollzogen, die in Friedenszeiten eine Schlagzeile wären und in Kriegszeiten zu einem Beben werden. Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko, seit Juli 2025 im Amt, also kaum ein Jahr auf dem Stuhl, soll als Botschafterin nach Washington gehen. Ihr designierter Nachfolger: Serhij Korezkyj, 48 Jahre alt, Manager aus Luzk, seit Mai 2025 an der Spitze des Energiekonzerns Naftogaz. Selenskyj nennt es "Erneuerung". Die Opposition in Kiew nennt es anderes. Die Wahrheit, wie immer, liegt im Verfahren.
Swyrydenko war nicht irgendeine Ministerpräsidentin. Die Ökonomin, vierzig Jahre alt, hatte maßgeblich am Rohstoffabkommen mit den Vereinigten Staaten mitgewirkt, jener Vereinbarung, über die in Brüssel, in Berlin und in Washington mehr geredet als verhandelt wurde. Wer einen solchen Vertrag zeichnet, der kennt die Räume, in denen er geschlossen wurde. Wer danach in ein Botschafteramt geschickt wird, der wird nicht bestraft – er wird befördert. Oder er wird entfernt. Beides sieht von außen gleich aus, und genau darin liegt die Kunst der Macht, die sich keine Handschuhe anzieht, weil sie keine braucht.
Ihr Nachfolger Korezkyj gilt als das, was man in solchen Momenten einen "unabhängigen Manager" nennt. Er hat keine politischen Verstrickungen, heißt es. Er hat Rekordgewinne erwirtschaftet. Er hat – und dies ist der entscheidende Satz – unter dem Beschuss der russischen Energieinfrastruktur weiter produziert. Das ist die Qualifikation, die Selenskyj sucht: ein Mann, der weiß, dass der Winter in der Ukraine keine meteorologische Jahreszeit ist, sondern eine militärische Operation. "Die Prioritäten sind klar, es ist die Vorbereitung auf den Winter", sagt der Präsident. Eine nüchterne Aussage. Eine Aussage, hinter der das ganze Gewicht eines Landes steht, dessen Kraftwerke zu Ruinen werden, während in Brüssel über den nächsten Sanktionsmechanismus verhandelt wird.
Und während in Kiew die Stühle gerückt werden, wechselt Selenskyj auch an den neuralgischen Punkten das Personal. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, erst seit sechs Monaten im Amt, ein junger Technologieexperte, muss gehen – oder besser: er wird umgesetzt, auf ein Ressort für Verteidigungsinnovationen im Rang eines Vizeministerpräsidenten. Das ist die eleganteste Form der Entlassung, die eine Regierung kennt. Man gibt dem Mann einen neuen Titel, und das Schweigen, das folgt, ist lauter als jeder Rauswurf. An seine Stelle tritt Jewhenij Chmara, und über dem Ganzen steht seit kurzem ein neuer Oberbefehlshaber: Mychajlo Drapatyj. Die Aufgabe, die Selenskyj ihm mitgibt, ist so ungeschminkt wie sie nur sein kann – die Rekrutierung von Soldaten muss besser werden.
Wer sechs Monate nach Amtsantritt seinen Verteidigungsminister verliert, der stellt eine Frage, die niemand hört: Was ist in diesen sechs Monaten schiefgegangen? Wer eine Ministerpräsidentin nach zwölf Monaten auf einen Botschafterposten schickt, der beantwortet sie auch nicht. Man spricht von "neuer politischer Strategie", von "Schwerpunkten" – USA, Polen, Ungarn, EU-Integration, Patriot-Lizenzfertigung – und meint damit jene Übersetzung, die jede Hauptstadt für sich selbst vornimmt. In Genf habe ich einmal gesehen, wie ein Außenminister einem anderen die Hand reichte, während sein Delegationsleiter im Nebenzimmer bereits den Entwurf für die nächsten Verhandlungen vorbereitete. Selenskyj ist kein Diplomat dieses alten Schlages, aber er ist ein Mann, der gelernt hat, dass das Sichtbare selten das Wesentliche ist.
In Brüssel indessen, in jener Stadt, in der Europa sich selbst verwaltet, wurde dieser Tage ein neues Sanktionspaket gegen Russland geschnürt. Weitere Maßnahmen gegen den Finanz- und Energiesektor, ein Einreiseverbot für russische Soldaten, und – dies ist der technische Kern – die Aussetzung der automatischen Anpassung des Ölpreisdeckels für zwölf Monate. Der Preisdeckel, 2022 gemeinsam mit den USA, Japan, Kanada und Großbritannien eingeführt, hätte angesichts der gestiegenen Weltmarktpreise eigentlich angehoben werden müssen. Dass er es nicht wird, bedeutet: weniger Geld für Moskau, aber auch ein Signal an jene, die es transportieren – Reedereien, Versicherer, Finanzdienstleister –, dass die Geduld der Europäer eine andere ist als ihre eigene. Wer versteht, was Sanktionen sind, der versteht, dass sie nie das tun, was sie versprechen. Sie verändern Routen, sie verändern Preise, sie verändern die Geographie des Geldes. Ob sie Kriege beenden, das ist eine andere Frage.
Diese Frage stellt sich auch am Himmel über Kiew, und sie wird nicht in Brüssel beantwortet. Russlands Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur sind schlimmer als je zuvor, schreibt die Welt, und sie zitiert damit jene Worte, die niemand mehr hören will, weil sie zu oft gesagt wurden. Bombenterror, heißt es. Patriot-Systeme, in Lizenz zu fertigen – das ist die Antwort, die Selenskyj sucht. Eine Antwort, die zugleich industriepolitisch und militärisch ist. Eine Antwort, die Amerika verlangt, weil Amerika verlangt, dass Europa liefert.
Ich sitze in einem Café, das ich nicht nennen werde, und trage Handschuhe, weil die Zeit es verlangt. Vor mir liegt ein Zettel mit drei Namen: Swyrydenko, Korezkyj, Drapatyj. Ich frage mich, was die Männer in Washington, in Moskau, in Brüssel über diese drei Namen denken, während sie lächelnd dasitzen. Ich frage mich, welche Verträge in dieser Woche unterschrieben werden, von deren Existenz ich erst in drei Monaten erfahren werde. Ich frage mich, ob ein Land, das seine Ministerpräsidentin nach Washington schickt und seinen Verteidigungsminister nach sechs Monaten versetzt, sich selbst noch versteht.
Vielleicht ist das die einzige Frage, die zählt. Nicht wer geht, nicht wer kommt. Sondern ob jene, die bleiben, noch wissen, warum sie bleiben.