tausend Tote, die keiner zählt
Plön, im Sommer. Forscher des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie haben vierzehn Jahre Sterbedaten des Statistischen Bundesamts gegen die wöchentlichen Meldungen des Robert Koch-Instituts gelegt. Herausgekommen ist, was mancher Kardiologe längst ahnt, aber kaum einer politisch ausspricht: Wenn Atemwegsinfektionen steigen, sterben in Deutschland Zehntausende Menschen an Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche. Nicht an der Lunge. Am Herzen.
Die Studie, erschienen in „PLOS Global Public Health", liest sich nüchtern. Sie ist es nicht. Sie zeigt ein Muster, das präziser ist als das jeder Korrelationsstudie, die mir in dreißig Jahren untergekommen ist. Keine Labormäuse, keine Hochrechnungen aus Krankenhausakten. Nur die simple Frage: Wandert die Gesamtsterblichkeit mit der Infektionswelle? Und die Antwort: Ja. Im Gleichschritt. Auf die Woche genau.
Hier beginnt das Beunruhigende. Nur etwa fünfzehn Prozent der Übersterblichkeit im Winter geht direkt auf Atemwegserkrankungen zurück. Lungenentzündung, Influenzapneumonie, COVID. Der Rest? Herz-Kreislauf. Die häufigste Todesursache in Deutschland, verschoben um Wochen, wann immer das Virus den Takt vorgibt. Wer mit einem Tabellenkalkulationsprogramm umgehen kann, kann das nachvollziehen. RKI wöchentlich, Destatis monatlich, öffentlich zugänglich. Wer nicht rechnen will, muss den Forschern aus Plön glauben. Oder dem ärztlichen Direktor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg, Dirk Westermann, der die Ergebnisse kommentiert: „Atemwegsinfektionen sind bekannte Auslöser für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall."
Die Pandemie hat ein Experiment geliefert, das kein Ethikkomitee genehmigt hätte. 2020/21 fiel die Grippe- und RSV-Saison in Deutschland praktisch aus. Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Masken. Die Zahl der Atemwegsinfektionen sank in allen Altersgruppen um mehr als fünfzig Prozent. Als die Maßnahmen gelockert wurden, kehrten die Viren zurück. Aber nicht im gewohnten Februar. Sie kamen im Dezember. Bis zu zwölf Wochen früher als in allen Vergleichsjahren zuvor.
Die Herztote verschoben sich im exakt gleichen Rhythmus. Dezember statt Spätwinter. Hunderte zusätzliche Todestage, verlagert in eine Phase, in der die Intensivstationen noch nicht auf Winterbetrieb liefen. Wäre Kälte der eigentliche Treiber, hätte sich am saisonalen Profil der Herztode nichts ändern dürfen. Es hat sich aber verändert. Folglich ist Kälte nicht der Hauptauslöser. Die Infektion ist es.
Die Mechanismen sind in der Medizin grundsätzlich bekannt. Eine systemische Entzündungsreaktion, getriggert durch das Virus, destabilisiert arteriosklerotische Plaques. Der Körper gerät in einen Gerinnungsnotstand. Das Herz, das ohnehin zu kämpfen hat, bekommt den nächsten Schlag genau in der Phase, in der es am verletzlichsten ist. Zehntausende Tote, schreibt die Studie, die jedes Jahr zwei bis drei Monate früher in der Saison eintraten als üblich. Zehntausend. Das ist keine Zahl, die man in einer Pressekonferenz beiläufig erwähnt. Das ist eine Kleinstadt, die im Winter still ausgelöscht wird, ohne dass die Verantwortlichen es als das benennen, was es ist: eine vermeidbare, saisonale, kardiovaskuläre Krisenlage.
Was fehlt, ist die Konsequenz. Die Grippeimpfquote in Deutschland sinkt seit Jahren. Hausarztpraxen sind im Winter überlastet. Die Impfung gegen Pneumokokken, nachweislich wirksam gegen die häufigste bakterielle Komplikation, fristet ein Nischendasein. Und die Gesundheitspolitik behandelt Infektionsschutz weiterhin als Sonderkapitel der „Seuchenmedizin", nicht als kardiovaskuläre Prävention. Auf einer Fachtagung formulierte es ein Kollege kürzlich ungewöhnlich direkt: Wer sich gegen Grippe impfen lässt, schützt nicht nur die Lunge. Er schützt das Herz. Die Aussage ist medizinisch unstrittig. Die politische Konsequenz daraus ist in Deutschland bislang unsichtbar.
Ich habe dreißig Jahre Wissenschaft beobachtet. Ich habe gesehen, wie Erkenntnisse jahrelang in Fachjournalen schlummerten, bevor eine Krise sie ans Licht spülte. Diesmal liegt die Studie vor. Die Daten sind eindeutig. Die Mechanik ist bekannt. Und der Winter kommt. Wieder.
Die Frage ist nicht, ob die nächste Welle kommt. Die Frage ist, wie viele Herzen sie dieses Mal bricht, bevor jemand begreift, dass eine Grippeimpfung in Wahrheit eine Herzimpfung ist.