Finanzielle Zuckerwatte — Der süße Rausch hat begonnen
Man hat es uns gesagt, mit jener sanften Bestimmtheit, die Männer sich aneignen, wenn sie einen Begriff prägen wollen, der noch keine Widerrede kennt. Eine neue Ära, haben sie verkündet, sei angebrochen — eine Ära, die sich durch „financial candyfloss" auszeichne, jenen schwebenden, federleichten Stoff also, der auf Jahrmärkten Kinder betört und Erwachsene an Sommer erinnert, die es so nie gegeben hat. Die Metapher ist nicht zufällig gewählt. Sie ist kalkuliert. Denn Zuckerwatte schmeckt süß, löst sich aber auf, sobald man sie berührt; sie füllt den Mund mit Versprechen, hinterläßt aber nichts, das den Hunger stillt. Und genau hier, genau in dieser Auflösung, liegt der Kern des Geschäfts.
Es gehört zu den ältesten Mechanismen der Macht, den Bürgern ein Bonbon hinzuhalten, während die Kasse geleert wird. Wer den Begriff „candyfloss" wählt, wer also das Leichte, das Spielerische, das beinahe Kindliche beschwört, der nimmt der Kritik bereits den Boden: Wie soll man Einwände erheben gegen etwas, das nach Rummelplatz und nach Zucker schmeckt? Wer kritisiert schon eine Süßigkeit? So entsteht jene sprachliche Immunisierung, die jeder Betrugsarchitekt kennt und die in den Protokollen jener Verhandlungen, die ich in Genf habe scheitern sehen, immer dieselbe Handschrift trägt: Man nehme ein harmloses Bild, wiederhole es oft genug, und schon ist die Substanz unsichtbar geworden.
Was aber verbirgt sich hinter dem süßen Nichts? Wenn eine Ära als „financial candyfloss" beschrieben wird, so ist damit ein Zustand gemeint, in dem Finanzprodukte, Kredite, Bewertungen und Versprechen sich von jeder realen Grundlage abgelöst haben und dennoch — oder gerade deshalb — als begehrenswert gelten. Es ist die Ökonomie des schönen Scheins, die nicht mehr Güter gegen Geld tauscht, sondern Hoffnungen gegen Hoffnungen, Erwartungen gegen Erwartungen, Versprechen gegen Versprechen. Die Frage, wem ein solcher Zustand nützt, ist keine rhetorische. Sie ist die einzige Frage, die zählt.
Nun arbeiten Märkte nach Gesetzen, die älter sind als jede Aufsicht: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer zuerst verkauft, hat schon gewonnen. Wer später kommt, hält die Rechnung. Das ist keine Verschwörung; das ist Mechanik. Aber Mechanik wird zur Gefahr, wenn sie von jenen, die sie bedienen, als Natur ausgegeben wird. Profitieren tun zunächst jene, die als erste verkaufen — eine Bank, ein Brokerhaus, eine politische Klasse, die sich anschickt, regulatorische Zügel zu lockern — und am Ende steht ein Anleger, ein Sparer, ein Arbeiter, der glaubt, er habe teilgenommen, während er nur gehalten worden ist. So entsteht ein Klima, in dem Warnungen als Unverstand gelten und Vorsicht als Illoyalität. Wer in einem solchen Klima noch warnt, der wird mit jener höflichen Kälte behandelt, die ich aus den Verhandlungsräumen kenne — die Kälte, die keine Temperatur hat, aber spürbar ist.
Das strukturelle Risiko liegt nicht allein in der Höhe der Zinsen, nicht allein in der Notation einzelner Papiere, nicht allein in den Bilanzen der Häuser, die noch immer als solide gelten, weil niemand sie ernsthaft öffnen will. Es liegt in der kollektiven Bereitschaft, sich an einen Geschmack zu gewöhnen, der keine Nahrung ist. Eine Ökonomie, die auf Zuckerwatte gebaut ist, hält jeden Windhauch nicht aus, weil sie kein Gewicht hat; sie hält insbesondere jene Stunde nicht aus, in der die Verzweiflung jener, die nichts mehr zu verlieren haben, die Oberfläche zerreißt. Die Geschichtsbücher — und ich habe in diese Bücher gesehen, in Archive, deren Akten nach Verwesung riechen — kennen jede Variante dieses Dramas. Es kommt immer wieder. Nur die Kostüme wechseln.
Ich habe Verträge gesehen, die feierlich unterzeichnet wurden und deren Geist noch am Abend der Unterzeichnung verriet. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen, und ich habe gelernt, daß das Lächeln selbst dann nicht verrät, wenn es längst verraten müßte. Heute, da uns eine neue Ära als „financial candyfloss" angekündigt wird, sollten wir jenes Lächeln wiedererkennen. Es steht in den Pressemitteilungen, die den Aufschwung loben; es steht in den Tabellen, die Wachstum zeigen, wo nur Verschuldung wächst; es steht in den Reden jener, die Komplexität versprechen und Einfalt liefern. Es ist, mit Verlaub, das höflichste Gesicht der Gefahr.
Hinweis der Redaktion: Die dieser Kolumne zugrundeliegende Meldung liegt der Redaktion bislang nur in einer einzigen Quelle vor. Wir veröffentlichen sie dennoch, weil ihre Tragweite keinen Aufschub duldet — aber wir veröffentlichen sie mit jenem Vorbehalt, den jeder verantwortliche Leser verlangen muß: Die Originalquelle muß sorgfältig geprüft werden, bevor sie als verbindlich gelten darf. In einer Zeit, in der Märkte auf Gerüchte reagieren wie Hunde auf Pfiffe, ist diese Pflicht keine Formsache. Sie ist Überlebensfrage. Wer ohne diese Prüfung handelt, handelt gegen sich selbst.
Wir tragen Handschuhe, hier in dieser Zeitung, auch beim Schreiben. Aber Handschuhe sind kein Schmuck. Sie sind ein Schutz. Und wer heute die Hand ausstreckt nach der Süßigkeit, die ihm als neue Ära verkauft wird, der sollte wissen, was er in der Hand hält: keinen Stoff, der nährt, sondern einen, der sich auflöst — und zwar immer dort, wo es weh tut.