Tisha B'Av am Tempelberg – die Stunde vor dem Funken
Es gibt Daten, die niemals zufällig auf einem Terminkalender stehen. Der neunte Tag des hebräischen Monats Aw, Tisha B'Av, ist eines davon – der Trauertag, an dem des Ersten und des Zweiten Tempels gedacht wird, der Tag der Zerstörung, der Demut, der kollektiven Erinnerung an das, was geschieht, wenn Heiliges politisiert wird. An genau diesem Tag betrat der israelische Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, das Gelände des Haram al-Scharif, des Tempelbergs – unter dem Schutz israelischer Polizeikräfte, wie die New Arab berichtet. An diesem Tag. In diesem Schutz. Auf diesem Boden.
Man muss den Architekten solcher Termine zugutehalten, dass sie nicht unbedacht sind. Wer am Tag der Tempelzerstörung den Tempelberg betritt, der betritt eine Bühne, deren Kulissen seit Jahrtausenden stehen; wer es unter Polizeischutz tut, der teilt der Welt mit – so leise, so unübersehbar – dass dies kein spontaner Akt frommer Wallfahrt ist, sondern ein Signal. Die Bilder dieses Tages werden die Archive füllen, bevor die Kommentatoren ihre ersten Sätze zu Ende geschrieben haben.
Hinter dem Vorhang der Bühne, während alle nach oben starren, sprechen die anderen Zahlen. Zwei Drittel des Gazastreifens könnten bis zum Ende des Jahres von akutem Hunger bedroht sein – trotz jener Maßnahmen, die das Wort "trotz" in den ersten verfügbaren Berichten trägt. Das Wort "trotz" wiegt in solchen Dokumenten schwer. Es ist das Epitaph einer Logistik, die irgendwo zwischen Lieferungen und Checkpoints steckengeblieben ist; es ist die Grammatik einer Krise, die sich nicht mehr in Pressekonferenzen auflösen lässt.
Wer die Mechanismen der Region auch nur halbwegs kennt, der sieht in diesen beiden Meldungen – der Provokation auf dem Heiligen Berg, der Prognose des Hungers am Mittelmeer – zwei Sätze desselben Textes. Es ist der Text, in dem die Frage, die kein Bulletin ausspricht, unausgesprochen im Raum steht: Wer entscheidet in diesen Stunden, dass dieser Tag, dieser Ort, diese Geste tragbar erscheint? Die Antwort "die Polizei" ist keine Antwort. Sie ist eine Übersetzung. Die Polizei gehorcht; die Polizei schützt; die Polizei ist das Werkzeug derer, die in Amtsstuben entscheiden, welche Provokation am heutigen Tage zugebilligt wird.
Es gab eine Zeit, da wäre ein solcher Vorgang noch von einem Kondolenzschreiben begleitet worden. Heute ist er von nichts begleitet als von der Erwartung, dass er funktioniert. Das ist der eigentliche Vorgang, der hier verzeichnet gehört. Die Mechanik ist alt, die Choreographie neu, der Effekt kalkuliert. Wer am Tag der Zerstörung den Boden betritt, auf dem einmal der Tempel stand, der lädt die Geschichte zu einer Antwort ein. Man weiß nicht, in welcher Sprache sie kommen wird, man weiß nicht, in welchem Format, man weiß nur, dass sie kommt. Die Verifikationspflicht, die in solchen Stunden maximal wird, lässt sich nicht auf den Akt selbst beschränken – sie muss auch die Stunden danach umfassen, jene Stunden, in denen ein falsch formulierter Satz aus einer Hauptstadt die Lage in eine Richtung kippen lässt, die kein Bulletin mehr einfangen kann.
Denn dies ist die Stunde, in der kein Bericht vollständig ist. Die Geste ist dokumentiert; die Folgen sind es nicht. Die Prognose über Gaza ist formuliert; die Lieferungen, die sie abwenden könnten, sind unterwegs oder blockiert – wir wissen es in diesem Moment nicht. Was wir wissen, ist dies: Zwei Bewegungen, eine in die Höhe, eine in die Tiefe, beide in derselben Woche. Die eine nach oben, auf den Fels. Die andere nach unten, in den Hunger. Beide verlaufen auf Linien, die in den Karten eingezeichnet sind, die niemand mehr öffentlich vorlegt.
Wer 1937 Schach spielte, der wusste, dass die gefährlichsten Züge nicht die lauten sind, sondern die, die genau dort gesetzt werden, wo die Aufmerksamkeit nicht hingehört. Die Pille, die in der Stille geschluckt wird; die Ordre, die in der Mittagspause erteilt wird; der Termin, der genau so gelegt wird, dass er in jedem Lesegerät als bedeutungslos erscheint, bis er Bedeutung gewinnt. Wir wissen nicht, was als Nächstes geschieht. Wir wissen nur, dass das Brett jetzt anders aussieht als noch vor dieser Woche, und dass die Stille, die folgt, kein Frieden ist, sondern nur die Pause, in der die Hände über den Figuren schweben.
Die Überschrift fehlt noch. Sie wird von denen geschrieben werden, die als Nächstes sprechen – oder die schweigen. Beides ist lesbar.