Die Anstalt und das ZDF — Anatomie einer Ausladung
(Mainz) — Es war eine Jubiläumssendung, die zur 100. Ausgabe, und sie sollte sich mit einer Frage befassen, die in diesen Wochen durch die Republik geht: Was heißt Wehrhaftigkeit der Demokratie? Die »Anstalt«, das Satireformat des ZDF, hatte zu diesem Anlass zwei Gäste eingeladen, die für die Beantwortung dieser Frage prädestiniert schienen. Der Starpianist Igor Levit. Und der Rapper Danger Dan, dessen Lied »Keine Angst« er bei der Sendung präsentieren wollte.
Das ZDF entschied anders. Kurz vor der Aufzeichnung wurde der Auftritt gestrichen. Die Begründung, die aus Mainz kam, folgte der vorsichtigen Sprache jener Häuser, die sich nicht die Finger verbrennen wollen: Der Liedtext, so hieß es, könne als Aufruf zu Gewalt verstanden werden.
Dass eine Sendung über die Wehrhaftigkeit der Demokratie ausgerechnet jenes Lied nicht zeigen durfte, das genau diesen Titel trägt, ist eine Wendung, die in jedem Drehbuch als unglaubwürfig gestrichen würde. In der Realität ist sie die Fortsetzung einer Gewohnheit, die in den Redaktionsstuben der Republik seit Jahren zu beobachten ist: Wer von vorneherein auf Konfrontation verzichtet, hat den Konflikt bereits entschieden — zu seinen Gunsten.
Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Das Trio Max Uthoff, Maike Kühl und Claus von Wagner, das die Sendung seit Jahren trägt, schrieb auf Instagram, man distanziere sich von der Entscheidung des ZDF. Man habe es als »öffentlich-rechtliche Pflicht« gesehen, das Lied zu präsentieren — und anschließend zu diskutieren. In der Sprache der Redaktion, die sich in Stellungnahmen immer ein wenig zurücknimmt, war das Wort, das am meisten zählte, ein Adjektiv: »mutlos«.
Was dann folgte, war eine kleine Choreografie der Solidarität. Der Deutsche Journalisten-Verband sprach von einem »schwerwiegenden Eingriff in die redaktionelle Freiheit«. Mika Beuster, der Bundesvorsitzende, formulierte den Satz, an dem sich die Diskussion festmachen wird: »Ob das Lied ausgestrahlt werden sollte oder nicht, entscheidet die Redaktion und niemand sonst.« Ver.di sekundierte durch Christoph Schmitz-Dethlefsen, sprach von einem »Eingriff aus Angst vor möglicher Kritik« und warf dem Sender vor, er habe der Redaktion und den Künstlern »in den Rücken gefallen«. Das ZDF selbst schwieg.
Die Mechanik, die hier sichtbar wird, ist nicht neu. Sie gehört zum Inventar der Institutionen. Eine Geschäftsleitung, deren Aufgabe die Verwaltung ist, trifft eine Entscheidung, die einer Redaktion, deren Aufgabe die Erkenntnis ist, die Hoheit entzieht. Beide berufen sich auf ihr Mandat. Am Ende steht eine Sendung, die zwar gesendet wird, aber nicht mehr diejenige ist, die geplant war. Die nächste Folge der »Anstalt« wird am Dienstag, den 21. Juli, um 22.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt; das Team kündigte an, man werde sehen, »wie es aussieht, wenn Sender und Sendung nicht einer Meinung sind«.
Was an dieser Woche bemerkenswert ist, ist weniger die Entscheidung selbst als das Schweigen, das ihr folgte. Das ZDF hat, soweit bekannt, nicht erklärt, welche Textstelle des Liedes konkret als gewaltverherrlichend verstanden wurde. Es hat nicht dargelegt, welche redaktionelle Prüfung der Streichung vorausging. Es hat sich, mit einer Kürze, die in solchen Fällen immer etwas Prekäres hat, auf die Formel zurückgezogen, der Text könne missverstanden werden.
Missverstanden werden — das ist in der Grammatik der Öffentlichkeit ein gefährlicher Vorwurf. Wer ihn erhebt, gibt zu erkennen, dass er dem Publikum die Fähigkeit abspricht, einen Kontext selbst herzustellen. Im Fall der »Anstalt« ist diese Unterstellung besonders pikant, denn das Format lebt davon, dass es seinen Zuschauerinnen und Zuschauern genau das zutraut.
Was bleibt, ist eine Lücke. In ihr steht das Wort, das die Sendung sich selbst nicht mehr leisten durfte. Wer eine Sendung über die Wehrhaftigkeit der Demokratie in deren Namen verstummen lässt, hat, so lässt sich formulieren, die Wehrhaftigkeit bereits verraten. Ob das eine Übertreibung ist, wird die nächste Folge am Dienstag zeigen.
Vera Kastner ist Kolumnistin der Terminal Tribune.