pur, 18. Juli — Ein Gott zwischen den Fronten
Es gibt Momente in der Politik, in denen sich ein Name, der einmal ein Versprechen war, in eine Anklage verwandelt. Ram, derart oft auf Plakate gemalt, derart zuverlässig in Mikrofone gerufen, derart häufig in Wahlkampfreden eingespannt wie eine alte Hymne, ist an diesem Samstag in Nagpur zum Streitgegenstand geworden — nicht zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern zwischen jenen, die meinen, ihn zu besitzen, und jenen, die ihn zurückfordern.
Uddhav Thackeray, Chef der Shiv Sena (UBT), hat am 18. Juli 2026 in Nagpur zum „Ram Raksha Andolan" gerufen, einer Demonstration, die er selbst als Rettungsbewegung inszeniert — gerettet werden soll der Gott vor jener Partei, die ihn nach eigenem Bekunden am lautesten verehrt. „BJP-freies Ram", lautet die Formel, die Thackeray sprach, nachdem er am Ram-Tempel von Nagpur Hymnen gesungen hatte. The Hindu berichtet von der Veranstaltung im Beisein seines Sohnes, des Worli-Abgeordneten Aditya Thackeray, sowie der Parteigrößen Sanjay Raut, Ambadas Danve, Sunil Prabhu, Anil Desai, Suraj Chavan, Kishor Kumeria und Satish Harde.
Der Anlass trägt den neutralen Namen einer Kassenprüfung und wiegt doch schwerer. Eine FIR wurde am 25. Juni im Zusammenhang mit angeblich veruntreuten Spendengeldern am Ram-Tempel von Ayodhya registriert; acht Beschuldigte befinden sich nach den Ermittlungen einer Sonderermittlungsgruppe SIT in Untersuchungshaft. Thackerays Argument, vorgetragen am Tempel selbst, lautet: wer in Ayodhya Geld veruntreue, habe kein Recht, den Namen des Herrn Ram im Munde zu führen. In einer früheren Rede, so dokumentiert India TV News, hatte er bereits gesagt: „Ayodhya ist erst der Trailer; Kashi und Mathura stehen noch aus." Die Stoßrichtung liegt damit fest — nicht der Tempel sei das Problem, sondern seine derzeitige politische Umklammerung.
Dass er sich berufen fühlt, das Feld zu bestellen, ist kein Zufall. Sein Vater Bal Thackeray, der Gründer der Shiv Sena, habe, so erinnert der Sohn, einst die Bewegung für den Ram-Tempel in Ayodhya maßgeblich mitgetragen. Die Genealogie, die hier aufgemacht wird, ist unübersehbar: jene Partei, die sich heute als alleinige Erbin des Hindunationalismus geriert, verdankt, nach der Lesart der UBT, einen Teil ihres Tempelkapitals den Thackerays.
Am selben Tag trug sich in Delhi ein zweiter Vorgang zu, der in den Reden unweigerlich mitschwang. Am Jantar Mantar hatte der Aktivist Sonam Wangchuk achtzehn Tage im Hungerstreik ausgeharrt — gegen die wiederholten Lecks von Prüfungsaufgaben unter anderem bei NEET, gegen die Prüfungsmaschinerie, die nach Darstellung der Protestierenden Zehntausenden jungen Leuten die Zukunft gekostet hat, und, als unmittelbares Ziel, gegen die weitere Amtsführung des Erziehungsministers Dharmendra Pradhan. Die Polizei griff ein, entfernte Wangchuk vom Protestgelände und wies ihn in das Safdarjung-Krankenhaus ein, wo er, wie er es formuliert, gegen seinen Willen festgehalten werde. „Illegal detention", ließ er über seine Frau Gitanjali Angmo in die Welt hinaus schreiben.
Am folgenden Tag, dem 19. Juli, verbreitete Wangchuk über sein X-Konto eine handgeschriebene Botschaft aus dem Krankenbett. Sie trägt das Datum des 20. Juli und die Worte: „Indiens zweite Freiheitsbewegung. Freiheit von Ungerechtigkeit. Freiheit von Angst." Der Marsch auf das Parlament, ausgerufen von der Cockroach Janta Party, soll an jenem Tag stattfinden. Oppositionelle Parteien haben das polizeiliche Vorgehen scharf verurteilt.
In Pune antwortete am gleichen Tag Ministerpräsident Devendra Fadnavis, und seine Worte verdienen festgehalten zu werden, weil sie jene Sorte Politik in eine einzige Zeile bündeln, die in jedem Verhandlungssaal der Welt funktioniert: „Ich freue mich, dass Uddhav ji endlich erkannt hat: wer nicht für Ram ist, ist zu nichts nütze. Deshalb ist er zu Ram zurückgekehrt, und ich gratuliere ihm dazu." Es ist eine Formulierung, die wie ein Handschlag aussieht und wie eine Ohrfeige klingt. Sie nimmt die religiöse Parole auf und dreht sie um, bis der ursprüngliche Sprecher sich in seiner eigenen Beweisführung verfangen hat. Wer „BJP-freies Ram" fordert, bekennt sich nach dieser Lesart zu Ram und wird prompt in die Arme jener zurückgeführt, die er losschütteln wollte.
In Nagpur war die Demonstration ein Aufruf zur Wachsamkeit. In Delhi war es ein Aufruf zur Befreiung. In Pune war es eine Lehrstunde im höflichen Spott. Es bleibt, am Tag nach dem 18. Juli 2026, ein indischer Sommer, in dem dieselben Silben — Ram, Freiheit, Schutz — an drei verschiedenen Orten drei verschiedene Bedeutungen tragen, und keine Seite weiß bislang zu sagen, welche davon die nächste Wahl überdauern wird.