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Aura aufgeladen, Klasse bestätigt

27. Juli 2026 — — — Kastner

Eine Geburtstagsparty in Neukölln. Eine Erdgeschosswohnung, deren Ecken kennen, was Mieten sonst verschweigen. Mediterranes Buffet, literweise Sekt, eine selbst gebastelte Piñata. Es gibt Gäste, die von Arbeitslosigkeit erzählen, von spätem Kinderwunsch, von Dating-Apps, die das Verlangen nicht stillen, sondern sortieren. Es gibt eine Frau, die ihren vierzigsten Geburtstag feiert. Es gibt mich, mit Plateaucrocs und Blümchenverzierung, die zu spät kommt.

Das ist der Stoff, aus dem die Kolumnen dieser Tage sind. Das Private als Archiv des Politischen, das Selbstgespräch als Surrogat der Öffentlichkeit. Eine Frau sitzt in einem Uber und formuliert, an wen die Altbauwohnung eigentlich gehen soll, und gleichzeitig sagt sie sich selbst, dass sie das Zusammenziehen nicht vorstellen könne. Das ist nicht Koketterie. Das ist die Grammatik einer Generation, die gelernt hat, Sehnsucht so zu formulieren, dass sie niemandem auf die Füße tritt.

Man schreibt dies, und man muss aufpassen, dass man es richtig liest.

Was hier gefeiert wird, ist nicht ein Geburtstag. Was hier gefeiert wird, ist eine Konfiguration. Eine Altbauwohnung, die über Kontakte besichtigt wird, also über ein Netz, das jenseits der offiziellen Plattformen operiert. Ein Kind, das noch zu einem Kitafreund gebracht werden kann, also eine Infrastruktur, die für bestimmte Adressen noch funktioniert. Eine Robe, die hinreißend aussieht, während die Trägerin gestresst ist. Sekt, der nicht aus dem Discounter kommt. Eine Piñata, die jemand selbst gebastelt hat, weil — ja, weil es das wert ist.

Die Aura wird aufgeladen. Der Begriff steht inzwischen nicht mehr für das, was die Romantik darunter verstand. Aura ist heute das Wort für eine Stimmung, die man kaufen kann, ohne zu wissen, was sie kostet. Wer eine Party gibt, lädt sie sich auf. Wer ein Stadion betritt, bekommt sie gratis. Wer ein Konzert von Massive Attack besucht, weiß, dass die Projektion wichtiger ist als das Gesicht im Spotlight — geheimnisvoll, anti-ego, gegen das klassische Star-System. Aura ist die Lizenz, nicht gemeint zu sein.

Auf dieser Party wird Aura kollektiv aufgeladen. Eine Generation, die mit dreißig die erste Mieterhöhung erlebte, die mit vierzig die Frage stellt, ob ein Kind allein großzuziehen sei, weil die Biographien, die man ihr versprochen hat, nicht eingetroffen sind, sitzt auf einem Bett und lümmelt, und jemand erzählt einen Witz über einen Mann, der in Klickschuhen nicht laufen kann. Großes Gelächter. Anekdote statt Erkenntnis. Die Sorge wird benannt, damit sie nicht getan werden muss.

Das ist der Mechanismus. Die Anerkennung der Angst ersetzt die Bearbeitung ihrer Ursache. Die Party ist keine Ablenkung — sie ist ein Vertrag. Wer seine Sorge ästhetisiert, macht sie verkehrsfähig. Wer mit seiner Arbeitslosigkeit witzelt, signalisiert, dass die Arbeitslosigkeit nicht das Problem sei, sondern die fehlende Fasson, sie zu tragen. Wer einen Kinderwunsch in den Raum stellt und ihn zugleich zurückzieht, gibt zu verstehen, dass die Entscheidung, kein Kind zu bekommen, eine individuelle Wahl sei und keine strukturelle Verweigerung.

Die Klassen, die hier sichtbar werden, sind die Klassen der Besichtigungen über Kontakte. Die Klassen, in denen eine Erdgeschosswohnung in Neukölln noch eine Wohnung und kein Spekulationsobjekt ist. Die Klassen, in denen mediterranes Buffet und Sekt in Literflaschen nicht als Luxus, sondern als Selbstverständlichkeit erscheinen — als das, was man schuldet, wenn man vierzig wird, als ob das Alter selbst ein Dispens von der Mietmarktlage wäre. Die Klassen, in denen eine Dating-Fail-Anekdote über Rennrad-Torben so erzählt werden kann, dass alle lachen, weil die Pointe nicht das Scheitern ist, sondern die Form, in der das Scheitern erzählt wird.

Die anderen Klassen schauen zu. Sie sehen das Bild der aura-geladenen Millennials und lesen: Es geht noch. Es gibt noch Partys. Es gibt noch Wein und Freundinnen und selbst gebastelte Piñatas. Es gibt noch ein Versprechen von Normalität, das sich in den Falten eines karierten Trägerkleides versteckt. Wer das sehen kann, soll beruhigt sein.

Die Funktion dieser Party — ihrer Gattung nach — ist nicht die Feier. Die Funktion ist die Erzeugung eines Beweises. Der Beweis lautet: Die Welt funktioniert noch, zumindest für die, die eingeladen werden. Wer nicht eingeladen ist, hat das Recht, sich zu fragen, was er falsch gemacht hat. Wer eingeladen ist, hat die Pflicht, die Erneuerung zu spielen, auch wenn er weiß, dass die Akkus bald wieder leer sind.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Die Handschuhe sind aus Baumwolle, nicht aus Leder, und sie behindern die Hand nicht. Sie erinnern mich daran, dass die Geste, einen Stift zu führen, eine Geste ist, die man zeigen kann. Eine Geste, die besagt: Ich habe die Aura nicht aufgeladen. Ich habe sie nur beobachtet, und ich habe gesehen, wer an ihrer Steckdose steht.

Was die Generation Y betrifft, so hat sie den Sekt bezahlt, die Piñata gebastelt, die Erdgeschosswohnung betreten, die Sorge benannt, das Gelächter produziert. Sie hat alles getan, was man von ihr erwartet. Sie hat die Transaktion erfüllt.

Was die Politik betrifft, so hat sie nichts zu tun. Die Arbeit ist bereits gemacht — auf einem Bett in Neukölln, bei literweise Sekt, mit offenen Armen.

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