Wenn die Rechenfabrik Wasser trinken will
Visakhapatnam, Juli 2026. Die Stadt am Golf von Bengalen schwitzt, und nicht nur wegen der Jahreszeit. An den Kreuzungen stehen Männer mit kahlrasierten Köpfen, an der Strandpromenade tragen Bürgerinnen Plakate, in einer öffentlichen Bibliothek sitzt ein ehemaliger Menschenrechtler und spricht über das Recht, Fragen zu stellen. Es ist, als habe sich die Stadt gleichzeitig in mehrere Bühnen verwandelt, auf denen dasselbe Stück gespielt wird — mit verschiedenen Besetzungen, ähnlichen Kostümen und einem gemeinsamen Bühnenbild: das Versprechen einer Zukunft, die in Megawatt gemessen wird.
Am Donnerstag, dem 17. Juli, formierte sich an der Kreuzung Pedagadili im Stadtteil Arilova eine Kette aus Leibern. Die Kommunistische Partei Indiens (CPI) hatte dorthin gerufen, und zwei ihrer Funktionäre hatten sich, in einer Geste, die älter ist als jede Glasfaserleitung, den Kopf scheren lassen. J.V. Satyanarayana Murthy, Mitglied des Landesvorstands der CPI, nannte die Zahl, um die es geht: das geplante Rechenzentrum bei Mudasarlova soll eine genehmigte Leistungsaufnahme von rund 512 Megawatt erhalten. Hinzu kommen Projekte in Tarluvada und Rambilli. Murthy sprach von Druck auf Wasser und Strom, von Hitze, Lärm und Schadstoffen in angrenzenden Wohngebieten — eine Aufzählung, die sich wie eine Litanei liest, deren Wortlaut überall dort wiederkehrt, wo Rechenfabriken das Land erreichen.
Am selben Tag, an einem anderen Punkt in derselben Stadt — TIC Point, ebenfalls in Arilova — hatten die Genossen der CPI(M) eine Motorradkundgebung organisiert, gefolgt von einer öffentlichen Versammlung. K. Lokanadham, Mitglied des Zentralkomitees der Partei, und der Distriktsekretär M. Jaggu Naidu wandten sich gegen die Nähe der Anlagen zu Wohngebieten und zum Stausee von Mudasarlova, einer Wasserquelle, die für die Stadt nicht nur Versorgung bedeutet, sondern auch Identität. Die Redner der CPI(M) stellten die Zuteilung der Grundstücke in Frage und verwiesen auf Anwohner, die noch immer nicht im Besitz ihrer Wohnstättenpatente seien — ein Detail, das in der Logik der Versammlung schwerer wog als jede Zusage zur Schaffung von Arbeitsplätzen, welche die Landesregierung bislang nicht habe belegen können. Beide Parteien forderten die Regierung auf, die Genehmigungen und Landzuteilungen zurückzunehmen und die Projekte in nicht-residentiale Gebiete zu verlagern.
Drei Tage später, am Sonntag, dem 20. Juli, verlagerte sich die Szenerie an die Strandpromenade. Umweltorganisationen, Bürgerrechtsgruppen sowie eine neue Konstellation — die Coalition for AI Regulation gemeinsam mit Green Vishaka — marschierten entlang der Küstenstraße. Mitglieder von Umweltkollektiven aus verschiedenen Teilen des Landes hatten sich eingefunden, nachdem am Vortag im Alluri Seetharama Raju Vignana Kendram ein Seminar stattgefunden hatte, in dem die Coalition for AI Regulation einen Fact-Finding-Bericht vorlegte. Raja Rama Mohan Roy, Präsident von Green Vishaka, sprach von der Untrennbarkeit von Umwelt und Mensch. Deeksha Vanguru von der Coalition for AI Regulation sagte den Satz, den man sich merken sollte: „Data centres have been constantly rejected by the West. However, our authorities welcome them because they only see money and not people's welfare." Es ist eine Feststellung, die in ihrer Nüchternheit beinahe diplomatisch klingt.
Der Bericht dokumentierte die Auswirkungen auf die Anwohner — insbesondere auf Dalit-Bauern in Tarluvada. Gefordert wurden eine unverzügliche öffentliche Konsultation, angemessene Land- und Finanzentschädigung für die betroffenen Bauern, vollständige Transparenz und die Durchführung einer Umwelt- sowie einer Sozialverträglichkeitsprüfung, bevor das Verfahren weitergehe. Die Projekte seien, so der Vorwurf, in „willkürliche Kategorien" einsortiert worden, um die Genehmigungen zu beschleunigen. Die Organisatoren wandten sich zugleich gegen eine angebliche Repression jener, die sich kritisch äußerten, und forderten den Stopp der Vorhaben, bis ihre Forderungen erfüllt seien.
Am Dienstag, dem 21. Juli, versammelte sich ein weiterer Kreis, diesmal in der Dwarakanagar Public Library. Unter dem Vorsitz von S.K. Rahiman, Distriktsekretär der CPI, fand ein Roundtable statt, der die Daten-Zentren nur am Rand berührte und stattdessen weitere Fronten eröffnete. K.S. Chalam, Ökonom und ehemaliges Mitglied der National Human Rights Commission, sprach über Angriffe auf demokratische Rechte und Meinungsfreiheit und forderte angesichts des mutmaßlichen NEET-Prüfungslecks den Rücktritt des Unionsbildungsministers. Murthy, bereits am Pedagadili Junction aufgetreten, sprach über den Aktivisten Prashna Ravan, gegen den wiederholt Anklagen erhoben worden seien — auch unter dem Unlawful Activities (Prevention) Act, UAPA, nachdem Gerichte in früheren Verfahren Kaution gewährt hatten. Es war der UAPA, der in Versammlungen wie dieser stets wie ein Siegel auf dem Tisch liegt. Zudem standen Vorwürfe zu Todesfällen in Polizeigewahrsam im Bundesstaat auf der Tagesordnung, die Verschleppung des Aktivisten Sonam Wangchuk aus dem Protestgebiet in Ladakh in ein Krankenhaus, und — als verbindendes Thema — die Daten-Zentren selbst. Vertreten waren die CPI(M), die YSR Congress Party, die Marxist Communist Party of India, CPI(ML) Praja Poru und CPI(ML) New Democracy sowie zahlreiche Volksorganisationen.
Zwischen diesen Daten liegt — am 19. Juli, von der YSRCP inszeniert — eine eigene Kundgebung gegen die Verschmutzung durch den Hafen von Vizag, die hier nicht vergessen sein soll, weil sie zeigt, dass dieselbe Partei, die im Roundtable mit den Linken sitzt, ihre eigene Protestgeografie besitzt.
Was also spielt sich ab? Eine Oppositionswelle, deren Akteure sich teilweise überschneiden, deren Forderungen sich aber nicht zu einer einzigen Stimme addieren. Die CPI ruft zur Straße, die CPI(M) setzt die Motorräder in Bewegung, eine zivilgesellschaftliche Koalition bringt ein Fact-Finding-Papier, die YSRCP sucht den Hafen, und am Ende sitzt man gemeinsam in einer Bibliothek und spricht über UAPA, NEET und Wangchuk. Im Hintergrund bleiben die Rechenfabriken, die 512 Megawatt aus dem Netz von Mudasarlova ziehen sollen und deren Land im Rambilli-Gürtel und bei Adavivaram verhandelt wurde — ein Gebiet, in dem die Adani-Gruppe nach eigenem Bekunden an ihrem bisher größten Vorhaben dieser Art festhält, während sie in Hyderabad eine kleinere Anlage mit 100 bis 200 Megawatt und zugleich Projekte in Chennai plant.
Man darf es so sagen: Es geht nicht nur um Wasser und Strom. Es geht um die Frage, wer in einer Stadt, die zum Rechenzentrum werden soll, noch mitentscheiden darf — und wer nur noch zuschaut, wie Aggregate in den Boden geschraubt werden. Wer in Vizag am Ende das letzte Wort hat, ist eine Frage, die noch offen ist. Sie wird vermutlich nicht in Arilova entschieden, auch nicht am Beach Road, auch nicht in der Bibliothek von Dwarakanagar — sondern in Räumen, über die später, wenn es zu spät sein wird, Protokolle geschrieben werden. Man kennt das Muster. Man hat es anderswo gesehen.