Der 27. Juli und die Gewissheiten der Linken
Am siebenundzwanzigsten Juli des Jahres zweitausendsechsundzwanzig trat die Linke vor jene Kameras, die sie so gerne ignoriert, wenn die Fragen unbequem werden. Es war ein Auftritt, wie ihn die politische Routine dieses Landes kennt: Bühne, Mikrofon, die wohlgesetzten Sätze, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur, damit niemandem ein Haken in der Kette auffällt. Wer die Sitzung verfolgte, sah das Vertraute. Wer die Sitzung nicht verfolgte, wird in den Archiven nachlesen können, was dort gesagt wurde, in jenen Archiven, in denen Reden aufbewahrt werden, bis sie verblassen und niemand mehr fragt, warum sie einst wichtig erschienen.
Eine Kollegin aus Berlin schickte mir die Links. Nur Links, mehr nicht. Sie schrieb: Sieh dir das an. Und ich sah. Ich sah die Gesichter, die Hände, die gefalteten oder auf den Tisch gelegten Hände, die in der politischen Fotografie stets mehr verraten als die Münder. Ich sah die Augen, die suchten, wohin sie blicken sollten, und ich sah, wohin sie nicht blickten. Es war eine vollständige Sendung an jenem Tag, soweit man Vollständigkeit in dieser Branche überhaupt behaupten darf.
Es gibt Daten im politischen Kalender, die wie Grenzsteine stehen. Man geht nicht darüber hinweg, man geht nicht zurück, man bleibt kurz davor stehen und wägt ab. Ob der siebenundzwanzigste Juli ein solches Datum ist, wird die Linke selbst entscheiden müssen; sie hat ihn gewählt, und allein darin liegt eine Mitteilung, auch wenn man sie überhört. Man wählt kein Datum zufällig. Man wählt es, weil es in den eigenen Reihen etwas trägt, das man nicht aussprechen muss, um es wirken zu lassen.
Was die Linke an diesem Tag in die Waagschale warf, lässt sich benennen, ohne Pathos, ohne Häme, ohne die Geste des Bessergewissen. Sie benannte ihre Position. Sie tat es mit jener Ruhe, die in der Politik oft das letzte Kleidungsstück ist, bevor es unbequem wird. Sie tat es vor jenem Publikum, das sie als das eigene betrachtet, und sie tat es im Wissen, dass die anderen zuhören werden, auf jene Art, in der das Zuhören bereits eine Vorbereitung ist. Das Protokoll ist öffentlich. Die Kameras haben aufgezeichnet. Die Gesichter stehen auf den Bildern, die in den Redaktionen längst ihren Weg durch die Archive gefunden haben.
In Genf habe ich gelernt, dass das Wesentliche selten in den Räumen geschieht, in denen die Kameras stehen. Es geschieht in den Gängen, in den Pausen, in den Blicken, die zu kurz sind, um sie zu fotografieren, und zu lang, um sie zu ignorieren. Wer an diesem siebenundzwanzigsten Juli persönlich im Saal war, hat seine eigene Erinnerung. Meine Erinnerung besteht aus dem, was mir geschickt wurde: Links, und das Wissen um die Uhrzeit, zu der eine Kollegin in Berlin der Meinung war, ich solle hinschauen.
Eine Quelle. Das ist wenig. In einer Branche, die sich nach Recherche sehnt und sich allzu oft mit der Behauptung begnügt, ist eine einzige Quelle so zerbrechlich wie ein Handschuh aus feinem Leder, schön anzusehen, aber ungeeignet, die Hände zu schützen, wenn es kalt wird. Ich nenne die Quelle beim Beruf, nicht beim Namen, denn eine Kollegin bleibt eine Kollegin, auch wenn sie einen ungemütlichen Hinweis schickt. Sie schrieb nicht, was ich denken solle. Sie schrieb nur: Sieh dir das an.
Ich habe es mir angesehen. Ich habe zur Kenntnis genommen, was die Linke am siebenundzwanzigsten Juli von sich gab, und ich habe zur Kenntnis genommen, was sie wegließ. Das Weggelassene gehört zum Geschäft, es ist kein Skandal, es ist Handwerk. Wer aus dem Weggelassenen ein Geheimnis macht, macht aus dem Handwerk eine Operette. Ich notiere, was notiert werden kann, und ich lasse das andere stehen, wo es steht.
Die Linke hat am siebenundzwanzigsten Juli gesprochen. Das ist ein Faktum, mehr nicht, und in einer Zeit, in der Fakten so behandelt werden, als wären sie Verhandlungsangebote, ist ein schlichtes Faktum schon fast eine Provokation. Ich werde die Links behalten, nicht weil ich ihnen blind vertraue, sondern weil das Misstrauen mein Beruf ist und das Aufheben die erste Pflicht des Berufs. Man bewahrt auf, man prüft, man schweigt, wenn das Schweigen angebracht ist, und man schreibt, wenn die Zeit es erlaubt.
Die Zeit erlaubt es heute. Sie erlaubt einen Blick auf einen Dienstag im Hochsommer, an dem eine Partei sich in Erinnerung brachte, wie sie es alle tun, wenn der Kalender es hergibt. Mehr verlange ich nicht zu berichten. Mehr kann ich nicht verantworten.