Ein Orden, kein Programm – die Mechanik der Sichtbarkeit
Murukesan N. wird am kommenden Mittwoch, dem 29. Juli, in Neu-Delhi eine Auszeichnung entgegennehmen, die zu den höchsten ihres Landes gehört: den Excellence Award der National Tiger Conservation Authority. An diesem Tag, dem Welt-Tiger-Tag, überreicht ihm Union-Minister Bhupender Yadav die Medaille. Es gibt einen Geldpreis. Es gibt eine Veranstaltung. Es gibt den Handschlag auf einer Bühne vor Kameras. Und es gibt einen 44-jährigen Mann aus der Malasar-Gemeinschaft im Weiler Sungam, der seit fünfundzwanzig Jahren durch die Wälder des Parambikulam Tiger Reserve geht – gelernt ohne akademische Titel, mit Feldkenntnis statt Zeugnissen, seine formale Ausbildung endet mit der neunten Klasse.
Dieser Mann liest die Tiere, die er dort findet. Er führt Tausende von Besuchern, er interpretiert die Biodiversität des Schutzgebiets, er engagiert sich für verantwortlichen Ökotourismus und Wildniserziehung. Was ihn auszeichnet, sind fünfundzwanzig Jahre Arbeit in einem Revier, das mit seinen rund 643 Quadratkilometern zwischen den Distrikten Palakkad und Thrissur eher klein wirkt im Vergleich zu den großen Reservaten Rajasthans oder Madhya Pradeshs. Die offizielle Lesart: Murukesan stehe exemplarisch für sein Reservat, für die Forstbehörde Keralas, für die Malasar. Was bleibt offen – und genau hier beginnt die politische Frage –, ist die Größe des Etats, der diese Arbeit zwischen den Jubiläen trägt.
Die Geschichte, die Delhi am 29. Juli erzählen wird, ist nicht neu. Im Jahr 2019 wurde „Tiger" Srinivasan, ebenfalls Waldhüter in Parambikulam und ebenfalls Angehöriger der Malasar-Gemeinschaft, mit dem Best Forest Watcher Award der NTCA ausgezeichnet. Srinivasan, der wie Murukesan den Wäldern dieses Reservats entstammt und dort als Kind seinem Vater, einem Mahut, in die Wildnis folgte. Dass innerhalb weniger Jahre zwei Waldhüter aus demselben Schutzgebiet eine nationale Ehrung erhalten, kann Zufall sein – oder Auskunft geben über die Sichtbarkeit, die ein einzelnes Reservat in der Hauptstadt besitzt, und über die Erzählungen, die eine Behörde braucht, wenn sie über Jahre der Schutzarbeit Rechenschaft ablegen will.
Doch – was geschieht nach dem 29. Juli? Wie viele Stellen sind in Parambikulam heute unbesetzt? Welche Mittel wurden in den vergangenen Haushalten tatsächlich veranschlagt, welche flossen? Welche Gehälter erhalten Waldhüter wie Murukesan zwischen den Verleihungen? Und wie viele Murukesans arbeiten in den indischen Tigerreservaten ohne Auszeichnung, ohne Gage, ohne Schlagzeile? Die Auszeichnung, das ist die Mechanik dieses Formats, feiert Individuen, die Strukturen nicht ersetzen können. Sie sichtbar zu machen, ist ihre Aufgabe; sie zu verändern, ist es nicht.
Wer am Mittwoch in Neu-Delhi auf der Bühne steht, trägt die Last einer gesamten Region mit sich – der Last, sichtbar zu machen, was andernorts unsichtbar bleibt. Was die Verleihung leistet, ist genau dies: Sichtbarkeit für einen Tag. Was sie nicht leistet – und hier liegt das Defizit jeder einzelnen –, ist die verbindliche Zusage, dass diese Sichtbarkeit in Budgets übersetzt wird, in Gehälter, in langfristige Personalpläne, in eine Verpflichtung gegenüber den Gemeinschaften, deren Lebensraum zugleich der Lebensraum der Tiere ist, deren Schutz die Politik sich auf ihre Fahnen geschrieben hat.
Die Quellen, die diese Geschichte tragen, sind spärlich. Kein Vergleich der Haushaltslinien, die Parambikulam betreffen. Keine Stellungnahme der Forstbehörde Keralas zu langfristigen Plänen für die Malasar. Kein öffentliches Dokument, das belegt, wie viele Waldhüter auf welcher Grundlage beschäftigt sind. Das ist kein Mangel dieser Zeilen – es ist die offene Frage, die das Format der Verleihung selbst hinterlässt.
Murukesan wird am Mittwoch nach Neu-Delhi reisen. Er wird den Preis entgegennehmen. Er wird lächeln, weil er vierundvierzig ist und fünfundzwanzig Jahre im Wald gearbeitet hat. Die Architektur der Ehrung aber gehört nicht ihm – sie gehört der Verwaltung, die sie vergibt, dem Budget, das sie finanziert, der Erzählung, die sie trägt. Genau dort beginnt die Frage, die mit der Verleihung nicht endet.