Zweitausend Rupien gegen Krebs und Lepra: Keralas späte Rechnung
Thiruvananthapuram, 23. Juli 2026. Die Sätze stehen gedruckt. Der Staat Kerala erhöht die monatliche Pension für Patienten mit Krebs, Lepra und Tuberkulose von tausend auf zweitausend Rupien. Die Anordnung trägt die Unterschrift von Gesundheitsminister K. Muraleedharan. Der überarbeitete Haushalt 2026/27 hat sie ermöglicht. Die Meldung klingt nach Fürsorge. Sie klingt nach einem Staat, der seine Pflicht erfüllt. Man sollte langsam rechnen, bevor man dankbar wird.
Zweitausend Rupien. Wechselkurs: ungefähr zweiundzwanzig Euro. In Thiruvananthapuram kostet ein Mittagessen in einer anständigen Kantine zwischen hundertfünfzig und dreihundert Rupien. Eine Fahrt in den Distrikt für eine Chemotherapie-Sitzung — Bus, Wartezeit, Rückweg — schluckt leicht vierhundert. Die Laborwerte, die ein Onkologe vor jeder Dosis verlangt, liegen im vierstelligen Bereich. Man rechne. Man rechne, was eine Krebspatientin im dritten Stadium an einem Monat mit Tuberkulin, Antibiotika gegen Sekundärinfektionen, Nahrungsergänzung, Fahrtkosten und der Miete für ein Bett im Hospiz verbrennt, falls eines verfügbar ist. Zweitausend Rupien sind kein Schutz. Sie sind ein Alibi.
Die Empfänger sitzen in der BPL-Kategorie — Below Poverty Line, jene Linie, die Indien seit Jahrzehnten neu zieht, ohne dass die Armen davon erfahren. Sie erhalten die Pension nur während der Behandlungszeit. Wer geheilt entlassen wird, verliert mit der Entlassung auch das Geld. Wer an der Behandlung stirbt, hat keine Rechnung mehr. Wer zwischendurch aufhört, weil das Geld für die Fahrt fehlt, fällt aus dem Raster. Das Gesundheitsministerium stellt eine Bescheinigung aus. Wer keinen Stempel bekommt, bekommt keine Rupie. Die Bürokratie wacht über das Mitleid.
Dabei sind die Zahlen, gegen die Kerala hier zu Felde zieht, alt und bekannt. Krebs, Tuberkulose, Lepra — drei Diagnosen, drei Armutsgaranten. Die Tuberkulose allein frisst sich durch Indien mit Millionen neuer Fälle pro Jahr; die Medikamente sind billig, die Versorgung ist es nicht. Lepra bedeutet jahrelange Entstellung, sozialen Tod, Arbeitsverlust — die Pension kommt dann, wenn die Arbeit längst weggebrochen ist. Krebs bedeutet, dass ein Patient aus der ärmeren Hälfte der Bevölkerung zwischen einer Dosis und einer Mahlzeit entscheiden muss.
Von tausend auf zweitausend. Eine Verdopplung, die sich auf dem Papier liest wie eine Großzügigkeit. In der Wirklichkeit ist sie die Verdopplung einer Summe, die nie zum Leben reichte. Wer hat die tausend Rupien der Vorjahre festgelegt, nach welcher Methode, mit welchem Sachverstand? Welche Krebsstation, welche Lepra-Siedlung, welche TB-Klinik wurde in den vergangenen Jahren gefragt, was eine Familie zum Überleben braucht, wenn ein Elternteil krank wird? Wer hat widersprochen, als die Summe so klein blieb, dass sie nur als Symbol taugte?
Man darf dem Staat zugutehalten, dass er überhaupt etwas zahlt. Viele Staaten tun es nicht. Aber wer hier von einem Erfolg spricht, hat die Empfänger nicht besucht. Man sitzt in einem Haus mit gestrichenen Wänden in Kottayam oder Kannur, der Patient nimmt morgens seine Tabletten, der Begleiter fährt dreimal die Woche in die Stadt, der Vorrat an Rezepten wächst schneller als der an Lebensmitteln. Zweitausend Rupien sind ein Signal — dass der Staat die Krankheit kennt. Dass er sie bezahlt, bleibt eine andere Frage.
Die Pension endet mit der Behandlung. Die Armut endet nicht. Welcher Minister, welche Behörde rechnet eigentlich nach?