Odysseus kommt nicht nach Hause: Amerika am Ende der Zivilisation
Es gibt Berichte, und es gibt Quellen, und es gibt das, was zwischen ihnen liegt — die Stille, in der eine Wahrheit sich formt, bevor sie ausgesprochen wird. Was nun aus Washington dringt, fällt in keine dieser Kategorien sauber hinein. Es fällt in die vierte, die unbequemste: in jene Zone, in der ein Imperium sich selbst beim Abschied zuschaut und noch nicht weiß, ob es Applaus oder Schüsse sind, die es hört.
Die offizielle Diagnose lautet, und sie stammt nicht aus den Redaktionsstuben der üblichen Mahner, sondern aus dem diplomatischen Korpus selbst: Die Vereinigten Staaten von Amerika, einst Architekt der Nachkriegsordnung, Hüter des Bretton-Woods-Systems, Garant der Atlantischen Charta, werden zunehmend als Paria-Staat klassifiziert — nicht im strafrechtlichen Sinne, sondern in jenem älteren, unerbittlicheren Sinne, den die Geschichte für Mächte reserviert, die sich gegen das von ihnen selbst mitgeformte Zivilisationsmodell stellen. Imperium gegen Zivilisation. Die Diagnose ist älter als die UNO, älter als die Genfer Konventionen, und sie wird in den Korridoren, in denen ich einst Verträge mitunterzeichnete, mit der gleichen tonlosen Präzision ausgesprochen, mit der ein Pathologe einen Befund diktiert.
Dass ausgerechnet die Odyssee in diesen Tagen als Deutungsfolie herangezogen wird, ist kein Zufall, sondern Symptom. Homer, dessen Epos im achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung seine kanonische Form fand, erzählt die Geschichte eines Mannes, der zehn Jahre nach Troja nicht nach Hause findet. Ithaka liegt vor ihm wie ein Versprechen, das jede Welle aufs Neue zerreibt. Polyphem, die Kirke, die Sirenen — das sind keine Stationen eines Abenteuers, das sind Etappen einer behutsamen Demontage. Der Held wird nicht zerstört; er wird korrigiert. Stück für Stück. Und am Ende, wenn er den heimischen Hafen erreicht, findet er sein Haus besetzt.
In der antiken Überlieferung — die Ashmolean-Sammlung in Oxford bewahrt davon Zeugnisse genug — ist Odysseus kein Symbol für Triumph. Er ist ein Symbol für das, was von einem Mann übrig bleibt, wenn die Götter ihn nicht mehr brauchen und die Menschen sich seine Abwesenheit bereits erklärt haben. Penelope webt und entwebt das Leichentuch. Telemachos kennt seinen Vater nur als Gerücht. Die Freier sitzen im Saal und trinken seinen Wein. Das ist das Bild, das sich aufdrängt, wenn man die heutigen Berichte aus Washington liest: ein Imperium, das ein Jahrzehnt lang die Welt durchpflügt hat und zu Hause eine Ordnung vorfindet, die es nicht mehr wiedererkennt.
Die Frage, die sich stellt, ist nicht, ob Amerika fällt. Diese Frage gehört in die Sphäre derer, die noch mit dem Feuer spielen, weil sie glauben, es brenne nur für andere. Die Frage ist jene, die Homer am Ende des zehnten Gesanges unausgesprochen lässt und die jeder Leser seit zweieinhalb Jahrtausenden für sich beantworten muss: Was geschieht mit einem König, der nach Hause kommt und niemanden mehr kennt? Was geschieht mit einem Imperium, das sich als Garanten der Zivilisation verstand und nun selbst gegen sie steht?
Dass diese Frage nicht hypothetisch, sondern forensisch ist, macht die Sache unangenehm. Denn ein Paria-Staat ist kein Schimpfwort, das man wegsteckt. Ein Paria-Staat ist eine Kategorie, und Kategorien, das habe ich in Genf gelernt, haben die Eigenschaft, sich selbst zu erfüllen. Die Allianzstrukturen, die ein halbes Jahrhundert lang Washington getragen haben, sind nicht mehr selbstverständlich. Die Institutionen, die im Namen einer liberalen Weltordnung geschaffen wurden, beginnen, ihre Schöpfer zu zitieren — nicht als Vorbild, sondern als Warnung. Die Sprache der Diplomatie, die ich in den Neunzigern noch als Lingua franca einer gemeinsamen Welt verstand, wird zur Verhandlungsmasse zwischen Blöcken, die sich nicht mehr um dieselbe Achse drehen.
Odysseus, so lehrt die Mythologie, überlebt seine Heimkehr. Aber er bezahlt den Preis. Er tötet die Freier, ja. Aber er verliert die Mannschaft. Er sieht Penelope wieder, ja. Aber die Jahre sind nicht zurückzuholen. Sein Sieg ist ein Sieg über ein Haus, das er nicht mehr bewohnen kann.
Wir veröffentlichen an dieser Stelle keine These. Wir veröffentlichen ein forensisches Bild: zwei Stränge, die sich kreuzen. Ein Epos, das vor zweieinhalb Jahrtausenden die Anatomie eines Mannes beschrieb, der zu lange fort war. Und ein Imperium, das heute, da es sich anschickt, sich selbst zu zerlegen, in genau jene Pose verfällt, die Homer für seinen Helden reserviert hatte — die Pose dessen, der am Ende der Zivilisation steht und nicht weiß, ob er ihr Richter oder ihr Opfer ist.
Was als Nächstes geschieht, weiß niemand. Genau das ist die Wahrheit, die zwischen den Zeilen der diplomatischen Noten steht und die niemand auszusprechen wagt. Nur dass — und das ist die letzte, eiskalte Ironie dieser Stunde — das Nicht-Wissen selbst zur Diagnose gehört. Odysseus wusste am Ende, dass er Ithaka erreichen würde. Wir wissen nicht einmal das.