Vor weißer Fassade, mit grüner Faust
Wer dieser Tage durch Dessau spaziert, sieht am Bauhaus-Museum eine Architektur, die für Klarheit steht, für reduzierte Form, für die beinahe religiöse Idee, dass Funktion und Schönheit einander nicht ausschließen müssen. Dann wendet man den Blick zur Erde, und dort, an der Rampe, die einst Walter Gropius als Bühne für die Demokratie der Moderne entwarf, steht eine Frau und bemalt ein Tuch. Es ist Suse Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, und das Tuch zeigt das, was die Grüne Jugend in diesen Wochen offenbar für politisch notwendig hält: eine geballte Faust über einem Hakenkreuz, das Wort "Faschos" quer darüber, und im Vordergrund, das lässt sich nicht übersehen, die AfD.
Die Szene ist inszeniert, das versteht sich von selbst. Es ist ein Kampagnen-Kickoff, eine Choreografie des Anstoßes. Was die Grüne Jugend Sachsen-Anhalts hier betreibt, ist die altehrwürdige Strategie, durch visuelle Provokation jene Aufmerksamkeit einzusammeln, die einer kleinen Partei zwischen Elbe und Saale nur selten zugefallen wäre. Zwölf bis vierzehn Prozent, mehr sagt die Umfrage nicht. Die Linke, zur Erinnerung, liegt im selben Korridor, hat in Magdeburg und Halle Direktmandate im Visier, klingelt zwanzigtausend Türen, schickt junge Männer in roten Warnwesten in den Schneeregen von Neu-Olvenstedt, weil Mustafa Groener glaubt, das Wetter spiele seiner Partei in die Karten. Wer so kämpft, der kämpft um jede einzelne Stimme. Wer so kämpft, malt nicht. Wer so kämpft, geht von Tür zu Tür.
Sziborra-Seidlitz geht nicht von Tür zu Tür. Sie steht vor dem Bauhaus und wird gemalt, während sie malt. Man darf das eine Inszenierung nennen, ohne ihr damit etwas Böses zu unterstellen. Inszenierung ist, in der Demokratie, ein zulässiges Mittel.
Was jedoch auffällt, ist die Diskrepanz zwischen dem, was die Grüne Jugend inhaltlich beansprucht, und dem, was sie visuell liefert. Die Klimakrise ist ein Problem der leisen Zahlen, der Diagramme, der Wahrscheinlichkeiten, der Berichte, deren Schrecken in der Nüchternheit liegt. Wer das Klima retten will, muss erklären. Wer das Klima retten will, muss zuhören. Wer das Klima retten will, muss vor allem jene überzeugen, die in Plattenbausiedlungen am Stadtrand von Magdeburg leben und deren Heizung im Winter entscheidet, ob sie den Monat überstehen. Wer das Klima retten will, der bemalt keine Hakenkreuze. Wer das Klima retten will, der geht hin.
Stattdessen also die Faust. Stattdessen also das Bild, das in jeder Sonntagsrede der AfD als Beleg dafür dient, dass die Grünen das Land in moralische Panik stürzen. Die Gegenrechnung ist einfach: Die Grünen gewinnen auf diese Weise keine Wählerinnen, die sie nicht ohnehin schon haben. Sie verlieren jene, die sich von derartiger Symbolik abgestoßen fühlen, und das sind in Sachsen-Anhalt nicht wenige. Auf demselben Banner, so hat die Welt dokumentiert, steht denn auch der Satz, es wäre "völlig absurd", Wählerinnen und Wähler der AfD "prinzipiell als rechts abzustempeln". Man malt das Hakenkreuz und verteidigt im selben Atemzug jene, die man soeben noch als Faschisten markiert hat. Eine vorsichtige Architektur der Doppelbotschaft.
Ob das ehrliche Opposition ist oder kalkulierte Provokation, wird man erst am Wahlabend des sechsten September wissen. Was man heute schon wissen kann: Die Grüne Jugend in Sachsen-Anhalt agiert in einem Feld, in dem die Linke längst die Methode des Zuhörens gewählt hat und in dem die CDU auf eine lachende, zugewandte Wählbarkeit setzt. Die Grünen müssen sich entscheiden, ob sie eine Programmpartei sein wollen oder eine Geste. Beides zugleich geht selten gut aus.
Correctiv, das Fact-Check-Portal, das in den vergangenen Jahren so mancher Behauptung den Boden unter den Füßen weggezogen hat, wäre gut beraten, die zentralen Aussagen dieses Kampagnenstarts zu prüfen. Was genau, so ließe sich fragen, ist mit dem Vorwurf des Faschismus gemeint, wenn die eigene Botschaft gleichzeitig vor der Pauschalisierung warnt? Welche klimapolitischen Positionen werden in Sachsen-Anhalt eigentlich vertreten, jenseits der Symbole? Und, nicht zuletzt: Wieviel Prozent der Wählerinnen und Wähler, die derzeit zwischen CDU, AfD, Linken und SPD schwanken, ließen sich durch ein bemaltes Tuch vor dem Bauhaus-Museum in ihrer Entscheidung beeinflussen? Die Antwort kennt in Dessau, so fürchte ich, niemand so genau, wie man es dort gerade vorgibt.
Es gibt eine alte Regel in der Diplomatie, die ich in Genf gelernt habe: Wer den Saal verlässt, bevor die Kameras da sind, verliert das Bild. Wer zu früh ankommt, gewinnt es. Die Grüne Jugend ist, in Sachsen-Anhalt, sehr früh angekommen. Die Frage ist nur, ob am Ende auch jemand im Saal sein wird.