Faucis Tagebuch: Zwischen Seuchenstatistik und Starruhm
Manche Quellen lügen nicht. Sie übertreiben nur dezent. Die Pfeife darf jetzt brennen.
Seit dieser Woche liegen Auszüge aus den Pandemie-Tagebüchern von Dr. Anthony Fauci auf dem Tisch des Senatsausschusses für Heimatschutz. Herausgeber: Senator Rand Paul, Republikaner aus Kentucky und langjähriger Widersacher des Mannes, der zwischen Januar 2020 und dem Ende der Trump-Amtszeit als oberster medizinischer Berater im Weißen Haus fungierte. Paul hat Fauci vorgeladen — und lässt ihm die Tagebücher vorab durch die Presse laufen. Das ist Politik, nicht Wissenschaft. Aber das Material selbst verdient genaues Lesen. Auch wenn es in einem politischen Windkanal zirkuliert.
Drei Daten, drei Einträge, ein Muster.
Am 7. April 2020 notiert Fauci, die US-Toten liegen bei rund 60.000: „Press still hot and heavy about me. Multiple stories per day directly or indirectly involving me." Vier Wochen später, am 21. Mai, sind es fast 98.000 Tote weltweit, über 27.000 in den Vereinigten Staaten. Fauci schreibt, sein „national and international fame is explosive and really unimaginable", es sei „not hyperbole", ihn als den „most famous and talked about person in the country" zu bezeichnen. Trump, so die Eintragung, „seems to be enamored of me even though I am taking the spotlight away from him". Im späten Juni 2020, als die täglichen US-Fallzahlen erstmals die Marke von 40.000 reißen, hält Fauci es für erwähnenswert, dass er eine Einladung zu „Dancing with the Stars" erhalten habe. Der Secret Service winke ihn durch die Kontrollen am Weißen Haus, ohne den Ausweis zu verlangen, weil man sein Gesicht kenne.
Wer ein Tagebuch führt, schreibt für sich. Wer ein Tagebuch führt und weiß, dass es eines Tages gelesen werden könnte, schreibt bereits für andere. Wer ein Tagebuch führt, das später unter Ausschuss-Vorladung landet, hat vermutlich nicht damit gerechnet — oder vielleicht doch. Hier beginnt das Grundproblem jeder Deutung von Selbstzeugnissen: Der Leser sieht den Schreiber in einer Rolle, die der Schreiber sich selbst gegeben hat.
Die Diskrepanz, die diese Einträge erzeugen, ist nicht juristisch, sondern rhetorisch. Fauci sprach vor dem Kongress, sprach in Talkshows, sprach zu Kameras mit der ruhigen Autorität des Mannes, der seit Jahrzehnten Seuchen managt. Er empfahl Masken, später Impfungen, später Schulschließungen und Wiederöffnungen — Maßnahmen, die Hunderte Millionen betrafen. Aus dem Tagebuch spricht nun eine zweite Figur: der aufmerksame Beobachter des eigenen Medienbildes, der den Aufstieg vom Bürokraten zur Pop-Ikone akribisch protokolliert. Welche der beiden Figuren die wahre ist, lässt sich aus einem Privatdokument nicht entscheiden. Dass beide existieren, belegt das Dokument durchaus.
Ein externes Indiz verschärft das Bild, ohne es zu beweisen. Wie Yahoo News unter Berufung auf eine separate Auswertung derselben Tagebücher berichtet, soll Fauci intern die Sterblichkeitsrate deutlich niedriger eingeschätzt haben — etwas über zwei Prozent bei 34.687 erfassten Fällen und 724 Toten — als er sie öffentlich kommunizierte. Sollte sich das bestätigen, wäre die Diskrepanz zwischen interner Rechnung und öffentlicher Empfehlung ein anderer Tatbestand als die Tagebuch-Eitelkeit. Sie würde die Frage aufwerfen, welche Zahl wofür bestimmt war: für das Modell, für die Kamera, für den Kongress.
Hier endet das Handwerkszeug des Berichterstatters. Was Fauci dachte, als er den Stift ansetzte, wissen wir nicht. Tagebücher sind Dokumente der Selbstpräsentation — auch wenn sie ehrlich gemeint sind. Sie sind keine Laborprotokolle, keine randomisierten Studien, keine beeideten Aussagen. Sie zeigen, wie jemand sich selbst im Moment des Schreibens sehen möchte. Der Faktencheck-Korridor, den jeder seriöse Prüfer — auch Snopes — hier betritt, ist eng: belegte Zitate, datierte Einträge, gesicherte Todeszahlen aus unabhängigen Quellen, Abgleich mit der vollständigen Manuskriptfassung. Darüber hinaus beginnt die Auslegung, und damit das Reich der Erzählung.
Die methodische Erinnerung gilt: Eine einzige Quelle, noch dazu eine, die von einem politischen Gegner veröffentlicht wurde, trägt kein Urteil. Prüfstellen würden an dieser Stelle verlangen, dass jedes Zitat mit dem Originalmanuskript abgeglichen wird, dass die Auswahl der zitierten Passagen nicht aus dem Zusammenhang gerissen ist, und dass die Tonalität der Einträge über den gesamten Zeitraum — nicht nur an Schaufenstertagen — bewertet wird. Solange diese Prüfung aussteht, bleibt das Dokument ein Stein im Schaufenster, kein Urteilsspruch.
Dass die Veröffentlichung just vor Faucis Aussage vor dem Ausschuss erfolgt, ist kein Zufall. Dass der Herausgeber ein politischer Gegner ist, ist ebenso wenig Zufall. Dass die Texte dennoch dastehen — datiert, zitiert, reproduzierbar —, ist journalistisch das einzig Belastbare in diesem Spiel. Mehr haben wir nicht. Mehr brauchen wir vorerst auch nicht.
Fragt sich nur, ob ein Wissenschaftler, der täglich die Welt vor einer unsichtbaren Gefahr warnt, wirklich über jeden medialen Schatten Buch führen muss, den sein Name wirft — oder ob er es tut, weil das Buchführen längst zur Gewohnheit geworden ist.