Die zehn Punkte des Mike Rogers und ihre Auftraggeber
Detroit im Hochsommer, und die Thermometer zeigen Zahlen, die für sich sprechen wollen — doch wer hat den Stift geführt, der sie schrieb? Eine Umfrage der Glengariff Group, in Auftrag gegeben von der Michigan Education Association und Business Leaders for Michigan, durchgeführt als Live-Telefoninterview zwischen dem 22. und 24. Juli, just eine Woche vor der Primary in Michigan, gibt dem früheren Kongressabgeordneten Mike Rogers ein komfortables Polster: zehn Punkte Vorsprung vor dem progressiven Kandidaten Abdul El-Sayed, 46 zu 45 Prozent gegen die demokratische Abgeordnete Haley Stevens. Neun Prozent der Befragten wollten sich noch nicht festlegen. Die Fehlertoleranz: vier Punkte. Das heißt, sauber gerechnet: Stevens und Rogers sind gleichauf.
Wer das hört, darf sich an einen alten diplomatischen Grundsatz erinnern. Eine Umfrage ist kein Vertrag. Sie ist eine Fotografie, gemacht in einem bestimmten Augenblick, von einem bestimmten Fotografen, mit einer bestimmten Linse. Die Michigan Education Association, die hinter der Erhebung steht, ist eine der mächtigsten Lehrergewerkschaften des Landes. Business Leaders for Michigan klingt nach Konzernfluren, nach Versicherungen, nach dem stahlblauen Pragmatismus der Großen Seen. Beide Gruppen finanzieren — das muss man nicht verschweigen. Man darf es nur nicht überdeuten. Finanzierung ist kein Verdikt, sie ist ein Umstand.
Die Psychologie der Zahlen indes ist aufschlussreich. Rogers hält unter unabhängigen Wählern einen Vorsprung von 28 Punkten gegenüber El-Sayed. Stevens liegt bei dieser Gruppe mit 40 zu 39 Prozent praktisch gleichauf mit Rogers. Bei schwarzen Wählern führt Stevens mit 31 Punkten vor El-Sayed. Was sagt das? Dass El-Sayed ein Mobilisierungsproblem hat, das sich nicht in Sonntagsreden auflöst. Dass Stevens das Profil einer Kandidatin ist, die in einem swing state tragen könnte — wenn die Demokratische Partei sie ließe.
Die Partei allerdings hat ihre eigenen Signale gesendet. Gouverneurin Gretchen Whitmer unterstützt Stevens. Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez stehen hinter El-Sayed — jenem Kandidaten, der Israel und seine amerikanischen Unterstützer als die eigentlichen Architekten der Außenpolitik Donald Trumps benennt und die demokratische Kongressabgeordnete, ohne mit der Wimper zu zucken, als Anzug mit großem AIPAC-Konto beschreibt. Das ist nicht die Spaltung einer Partei. Das ist die Landkarte einer. Die eine Seite bewirtschaftet das bürgerliche Michigan, die andere die Vorstädte der Ideologie. Beide können nicht zugleich gewinnen. Eine wird es trotzdem.
Eine andere Erhebung, veröffentlicht am Donnerstag von Emerson College Polling im Auftrag von WLNS und WOODTV, zeigt El-Sayed in der Primary mit 54 zu 39 Prozent vorne, mit Tendenzwählern 57 zu 41. Eine Alterskluft, klar gezeichnet: Unter Fünfzigjährige wählen zu 67 Prozent El-Sayed, zu 25 Stevens. In den Fünfzigern schmilzt der Vorsprung auf zwölf Punkte. Über Sechzigjährige kehren das Verhältnis um — 53 zu 39 für Stevens. Die mittlere Generation entscheidet, aber sie entscheidet nicht durch Handaufheben, sondern durch Fernbleiben. Das ist das eigentliche Spiel hinter den Zahlen.
Mike Rogers, der keinen ernsthaften Herausforderer in der republikanischen Vorwahl hat, wird im November gegen den Sieger der demokratischen Primary antreten. Gewinnt El-Sayed, zeigen die Glengariff-Zahlen Rogers zehn Punkte vorne. Gewinnt Stevens, führt sie mit einem Punkt. Das ist der Hebel, an dem die Geschichte kippen kann. Der Sitz des ausscheidenden Demokraten Gary Peters wandert dann von Blau zu Rot — und der Senat bleibt in der Hand der Grand Old Party.
Es bleibt die Frage, die jeder aufmerksame Beobachter stellen muss, ohne dass er gleich Verschwörung riechen müsste: Welche Umfrage misst was? Die Glengariff-Erhebung misst den Allgemeinwahl-Matchup, eine Woche vor einer Primary, deren Ausgang sie vorgreift. Die Emerson-Erhebung misst die Primary selbst, in der ein Sanders-naher Kandidat komfortabel vorne liegt. Beide verhandeln dieselbe Wirklichkeit mit unterschiedlichen Interessenten im Raum. Wer eine Zahl in Auftrag gibt, will eine Richtung. Wer eine Richtung will, darf gefragt werden, wohin.