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ACHT TAUSEND STELLEN BEI BMW — WO DER GEWINN FRISST, WAS DER ARBEITER BAUTE

31. Juli 2026 — — — E. Wolff

Die Pfeife glüht. Ich blättere die Zahlen durch.

BMW. Achttausend Stellen. Bis Ende nächsten Jahres.

So steht es geschrieben. So wird es verkauft. So wird es geglaubt.

Achttausend. Das ist keine Zahl. Das ist eine Stadt. Eine kleine Stadt, die ihre Arbeit verliert, weil in München jemand entschieden hat, dass der Gewinn wichtiger ist als die Hände, die ihn gemacht haben.

Die offizielle Lesart: der Wettbewerb aus China. Die offizielle Wahrheit steht in den Bilanzen. Da steht, was wir eigentlich wissen sollten, bevor wir uns mit Erklärungen aus Vorstandsetagen abspeisen lassen.

Der Konzern spricht vom größten Freiwilligenprogramm der Firmengeschichte. Natürlich freiwillig. Wie jeder Rauswurf freiwillig ist, wenn die Alternative das Schweigen ist. Abfindungen, natürliche Fluktuation, Altersteilzeit — das sind die Werkzeuge. Sie klingen human. Sie sind es nicht. Sie sind die Grammatik einer Sprache, die übersetzt werden muss, bevor sie einer versteht: Du bist zu teuer geworden. Dein Platz wird billiger vergeben.

München trifft es besonders hart. Natürlich München. Dort sitzt die Hauptverwaltung. Dort sitzen diejenigen, die Zahlen in Sätze gießen, die Zahlen erklären, die Zahlen entscheiden.

Die Frage, die niemand stellt: Wer hat das eigentlich entschieden? Nicht wer im Sinne eines Namens — das wäre zu einfach. Wer im Sinne einer Logik. Einer Logik, die besagt, dass Kapitalrendite vor allem anderen kommt. Vor den Arbeitern. Vor den Zulieferern. Vor den Regionen, die seit Jahrzehnten auf diese Industrie gebaut haben.

Das ist der Profitsqueeze. Kein zufälliger Druck von außen. Ein System, das Rendite als oberste Richtschnur nimmt und alles andere als Kostenfaktor behandelt. Achttausend Stellen sind dann keine Tragödie. Sie sind Optimierung. Excel-Tabelle. Quartalsbericht. Eine Buchung, die am Ende eines Geschäftsjahres schöner aussieht als am Anfang.

Die Fakten, so wie sie auf dem Tisch liegen: Der Stellenabbau wird begründet mit einem Gewinneinbruch. Im Umkehrschluss bedeutet das: Solange die Gewinne flossen, waren die Stellen sicher. Sie waren nie sicher. Sie waren geduldet.

Ich habe das einmal gesehen. 1929. Damals hieß es, die Bücher seien nicht ausgeglichen. Das war kein Versehen.

Heute lese ich dieselbe Sprache. Andere Kleider. Dieselbe Grammatik. Man sagt Restrukturierung und meint Verteilung. Man sagt freiwillig und meint erzwungen. Man sagt Zukunftsfähigkeit und meint die Zukunft der Dividende.

BMW macht keine Ausnahme. BMW ist ein Symptom. Was hier passiert, passiert in Wolfsburg, passiert in Stuttgart, passiert überall, wo das Kapital sich bewegt und die Arbeit stillhalten soll. Die Konkurrenz aus China ist real. Aber sie ist auch bequem. Sie ist der Stein, auf den man zeigt, wenn man die eigenen Entscheidungen nicht erklären will. Correctiv hat die Berichte geprüft. Die Zahlen, die nun auf dem Tisch liegen, sind belastbar. Was nicht belastbar ist, ist die Erzählung. Die Erzählung, dass alles alternativlos sei.

Diejenigen, die jetzt gehen, haben über Jahrzehnte gebaut, was diesen Konzern groß gemacht hat. Ihre Hände, ihre Zeit, ihr Wissen. Für einen Stundenlohn, von dem die Vorstandsboni abgezogen werden, ohne dass jemand fragt, woher das Geld eigentlich kam.

Wer das verstehen will, muss die Sprache lernen. Nicht die der Bilanzen. Die der Straße. Die Sprache, in der freiwilliges Programm bedeutet: Deine Chefin hat dir gesagt, du sollst gehen. In der natürliche Fluktuation bedeutet: Wir stellen niemanden mehr ein, bis der Druck groß genug ist. In der Standortsicherung bedeutet: Der Standort sind wir, nicht ihr.

Die ökonomische Frage, die sich stellt und die niemand offen ausspricht: Ist dieser Prozess noch Wettbewerb? Oder ist er die Fortsetzung einer organisierten Verlagerung, getarnt als Strategie? Ist es ein konjunktureller Schnitt, oder der Beweis dafür, dass Wirtschaftsdemokratie in dem Moment endet, in dem die Quartalszahlen sinken?

Es gibt eine andere Logik. Sie heißt nicht Wachstum um jeden Preis. Sie heißt: Verteilung. Sie heißt: Wer den Gewinn macht, soll auch das Risiko tragen. Sie heißt: Die Achttausend, die jetzt gehen, hätten die Achttausend sein können, die bleiben. Stattdessen läuft die Maschine weiter. Vorstandsgehälter werden steigen. Die Aktionäre werden beruhigt. Die Belegschaft wird schrumpfen. Das nennt sich dann marktgerecht. Das nennt sich dann alternativlos.

Wer einmal gesehen hat, wohin das führt, der schaut nicht weg. Der schreibt. Heute schreibe ich das. Morgen schreibt es jemand anderes. Übermorgen fragt niemand mehr nach.

Die Geschichte wird sich nicht ändern, weil sie nie aus den Büchern kommt. Sie kommt aus den Fabrikhallen. Aus den Kantinen. Aus den Wohnungen, in denen jetzt jemand seinem Kind erklären muss, warum Papa morgen nicht mehr in die Arbeit geht.

Die Pfeife ist aus. Die Zahlen bleiben.

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