Der Thron, der nicht wackelt
Man stelle sich einen Mann vor, der seit zehn Jahren auf einem Stuhl sitzt, den niemand unter ihm hervorziehen kann, weil die Statuten den Stuhl an den Mann schweißen und der Mann an den Stuhl. Gianni Infantino ist dieser Mann, und die Frage, die durch alle Zeitungen weht wie Zigarettenrauch durch ein Hotel in Genf, lautet nicht mehr ob er bleibt, sondern wie man es überhaupt wagen konnte, dies zu bezweifeln. Die Antwort: Man wagt es nicht. Man zählt die vier Wege auf, die aus dem Labyrinth führen sollen, und merkt beim Aufzählen bereits, dass jeder von ihnen in eine Wand mündet.
Betrachten wir die Wege der Reihe nach, wie ein Pathologe die Organe auf dem Tisch. Der erste: der Kongress, dieses höchste Organ des Fußball-Weltverbands, zusammengesetzt aus 211 Mitgliedsverbänden, die Infantino nach zehn Jahren Amtszeit mit einer Überzahl von mehr als zweihundert Unterstützungsschreiben bedacht haben. Nur eine Handvoll, heißt es aus informierten Kreisen, nur eine Handvoll zierte das Papier nicht mit ihrer Unterschrift. Der Deutsche Fußball-Bund ist darunter, weiter heißt es aus Frankfurt, man werde weitere Schritte im Präsidium beraten, was im diplomatischen Idiom soviel bedeutet wie: wir haben unsern Anstand gewahrt und werden nun schweigen. Südamerika, Afrika, Asien stehen geschlossen, und was geschlossen steht, steht. Infantino darf sich beim Kongress am 18. März 2027 im marokkanischen Rabat sicher sein. Eine Amtszeit bis 2031, seine letzte, sagt das Statut, und das Statut ist in dieser Frage weniger Vertrag als Menetekel.
Der zweite Weg führt durch die unabhängige Ethikkommission, jenes Gremium, das Verstöße gegen den Ethikkodex feststellen soll, Fälle von Amtsmissbrauch, Interessenkonflikten, schwerwiegender Pflichtverletzung. Die britische Menschenrechtsorganisation FairSquare hat dieser Tage eine zehnseitige Beschwerde beim IOC eingereicht. Zehn Seiten Papier, beschwert mit Argumenten, gewogen mit Emphase. Was danach geschieht, weiß jeder, der jemals einer Ethikkommission beigewohnt hat: sie tagt, sie wägt, sie schweigt. Oder sie tagt nicht, was häufiger vorkommt und weniger Aufsehen erregt.
Der dritte Weg wäre der einfachste, und gerade deshalb ist er der unwahrscheinlichste: der freiwillige Rücktritt. Infantino könnte jederzeit gehen, so wie ein Monarch jederzeit abdanken könnte. Er wird nicht. Er klebt, wie die Beobachter schreiben, die das Wort kleben benutzen, weil es das richtige Wort ist. Er genießt den Ruhm, das Ansehen, das Gefühl, sich auf Augenhöhe mit Leuten zu bewegen, deren Augenhöhe in etwa auf der Höhe von Staatschefs liegt. Man hat ihm den Friedenspreis der Fifa überreicht, in einer Zeremonie, die mehr nach Hofstaat als nach Sportverband aussah. Man wird ihm weitere Preise überreichen. Freiwillig geht nur, wer gehen will.
Der vierte Weg schließlich führt über staatliche Ermittlungsbehörden, über die Gerichtsbarkeit jener Länder, in denen die Fifa ihre Hauptquartiere unterhält. Dies wäre, schreibt die Fachpresse, bei besonders gravierenden Verstößen möglich. Was besonders gravierend ist, entscheiden in der Regel jene, die etwas zu verlieren haben, und Infantino, der Italo-Schweizer, der einst Generalsekretär der Uefa war und dort die Finanzregularien formalisierte, bevor er nach dem Sturz Joseph Blatters den Thron bestieg, Infantino weiß, wie man Formalitäten so legt, dass sie Formalitäten bleiben.
Was bleibt, ist die Frage, die niemand mehr stellt, weil ihre Beantwortung bekannt ist: Wie wird man Gianni Infantino los? Die ehrliche Antwort lautet: Man wird ihn nicht los. Man schreibt Artikel, man reicht Beschwerden ein, man zitiert Jorge Valdano, den argentinischen Weltmeister, der in einem Interview sagte, ja, Infantino sollte gehen, weil der Fußball von den Mächtigen korrumpiert werde. Valdano ist eine Stimme, ehrlich und traurig, gegen einen Chor von mehr als zweihundert, die alle das gleiche Formular unterschrieben haben. Bis zum 18. November können Kandidaten vorgeschlagen werden. Keiner hat sich bisher gemeldet. Niemand meldet sich in einem Spiel, dessen Ausgang feststeht.
Was hier zu besichtigen ist, ist keine Person, sondern eine Architektur. Eine Architektur aus Statuten, aus Unterstützungsschreiben, aus Ethikkommissionen, die unabhängig sind auf dem Papier und abhängig in der Praxis, aus Friedenspreisen, die wie Weihrauch duften und wie Weihrauch wirken. Vier Ausgänge, alle zugemauert, und in der Mitte ein Mann, der lächelt, wie Männer lächeln, wenn sie wissen, dass das Lächeln genügt. Die Welt spielt Schach, und Infantino hat längst aufgehört, die Züge zu zählen. Er sitzt. Die Welt spielt weiter. Um ihn herum, gegen ihn, doch niemals durch ihn hindurch.