45 Grad im Klassenzimmer, 26 Grad im Gesetz: Was schützt die Schüler?
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
Es ist Juli 2026, nicht 1937, aber das Versprechen klingt vertraut. Während draußen die Sonne brennt und zwei Hitzewellen über das Land ziehen, sitzen Kinder in Schulen, die für ein Klima gebaut wurden, das es nicht mehr gibt. Bayern und Baden-Württemberg schwitzen weiter, Nordrhein-Westfalen rettet sich am Wochenende in die Sommerferien – als wäre der Ferienbeginn eine meteorologische Erlösung. Ist er nicht. Er ist nur ein Aufschub.
Die Fakten, die das Correctiv-Team um Alexandra Ringendahl und Lea Messerschmidt zusammengetragen hat, lesen sich wie ein Versuchsprotokoll aus einem Labor, das man sich selbst überlassen hat. Die Bildungsplattform „News4teachers" rief Lehrkräfte auf, Thermometerfotos aus ihren Klassenzimmern einzusenden. Die Resonanz: enorm. Viele Geräte zeigten am Vormittag über 35 Grad Celsius. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Ralf Nentwich legte eine digitale Schul-Heatmap an – eine Karte, auf der Schulen ihre Innentemperaturen eintragen können. Knapp 800 Einträge gingen ein. Spitzenreiter: Klassenzimmer in Leonberg und Heidelberg mit 45 Grad Celsius.
45 Grad. Ich wiederhole: fünfundvierzig Grad Celsius in einem Raum, in dem Kinder sitzen, lernen, Klausuren schreiben sollen. Wer das liest und nicht stutzt, hat den Maßstab verloren. Die normale Körpertemperatur liegt bei 36,5 Grad. Eine Raumtemperatur von 45 Grad übersteigt sie um neun Grad. Medizinisch betrachtet ist das kein „unangenehm" mehr – das ist ein Bereich, in dem Kreislauf und Konzentration kollabieren.
Doch halt. Bevor wir die Empörung zelebrieren, prüfen wir die Quelle. Was Correctiv liefert, ist journalistische Arbeit, keine peer-reviewte Studie. Die Daten stammen aus zwei selbstorganisierten Erhebungen: einer Foto-Aktion und einer freiwilligen Online-Eintragung. Das ist Methode mit Schönheitsfehlern. Wer meldet sich? Vermutlich vor allem jene, die etwas zu klagen haben. Wer misst nicht? Schulen, die keine Thermometer besitzen, oder jene, deren Leitung den Aufruf nicht weiterleitete. Die 800 Einträge sind kein repräsentatives Bild der Republik – sie sind ein Selbstporträt der Frustrierten. Das entwertet die Aussage nicht, aber es verändert ihre Reichweite. Aus „die Schulen überhitzen" wird „an vielen Schulen wird überhitzt, dokumentiert von jenen, die es aushalten müssen."
Bemerkenswert ist die Stimme, die Correctiv zitiert: Ryan Nolte, sechzehn Jahre, aus Bottrop. Sein Zitat verdient Beachtung, weil es die bequeme Ausrede zerstört, es liege am Alter der Bausubstanz. „Unser Neubau heizt sich so auf, dass man darin nicht mal stehen möchte, geschweige denn, dort Unterricht zu haben", sagt er. Neubau. 2026. Bottrop in Nordrhein-Westfalen – nicht der tiefste Süden, sondern das Ruhrgebiet. Wenn ein Neubau im mittleren Westen Deutschlands an Hitzetagen zur Sauna wird, dann ist das keine Frage der Sanierung, sondern der Planung. Dann hat jemand gegen die einfachste Regel der Bauphysik verstoßen: ein Gebäude ohne Verschattung, ohne Lüftungskonzept, ohne thermische Speichermasse, wird zur Hitzefalle.
Und nun das Recht, das eigentlich schützen sollte. Für Arbeitnehmer gilt die Arbeitsstättenregel ASR A3.5 zur Raumtemperatur: Höchstwert 26 Grad Celsius. Wird er überschritten, muss der Arbeitgeber für Abkühlung sorgen – durch Sonnenschutz, Verglasung, Lüftung. Für Schulen – und hier endet der Correctiv-Text mitten im Satz, der uns die entscheidende Information schuldig bleibt – „gelten solc…". Solche was? Die Antwort bleibt offen. Wir wissen: Pflegeeinrichtungen diskutieren Hitzeschutzpläne, Wärmepumpen werden als Heiz- und Kühlsystem gepriesen. Schulen aber, so Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, „fallen mal wieder hinten runter, weil wir keine laute Stimme haben und keine Wählergruppe sind." Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, nennt es eine „Frage der Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems".
Zwei Sätze, zwei Institutionen, eine Diagnose. Die politische Klasse behandelt Schulen als nachrangig – nicht weil das Gebäude unwichtig ist, sondern weil die Lobby fehlt. Pflegeheime haben Angehörige, die wählen gehen. Schüler haben keine Wählergruppe, die wählen geht. Also bleibt der Klassenraum, was er seit Jahrzehnten ist: ein Raum, über den geredet wird, wenn er einbricht, und der vergessen wird, wenn er nur schwach ist.
Ich notiere: 45 Grad, 26 Grad im Gesetz, eine Regulierungslücke, ein Selbstporträt der Frustrierten, eine Stimme aus Bottrop, zwei Gewerkschaftsdiagnosen und eine Quelle, die mitten im Satz abbricht. Was hier dokumentiert wird, ist kein Hitzesommer – es ist ein Systemversagen, das sich Jahr für Jahr reproduziert und dabei als Wetterlage verkleidet.
Die Frage, die bleibt: Wenn schon ein Sechzehnjähriger erkennt, dass ein Neubau nicht funktioniert – warum erkennt das niemand, der dafür bezahlt wird?