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Wenn die Schwalbe zur Wahlkampfwaffe wird

31. Juli 2026 — — — Kastner

Auf einer Simson Schwalbe durch Sachsen-Anhalt – das klingt nach erstem Moped, nach einem Sommer, nach ostdeutscher Freiheit auf zwei Rädern. Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, hat daraus am Sonntag in Weißenfels eine Inszenierung gemacht, deren Geschmack sich nur schwer übersehen lässt: Rund 1500 Menschen kamen zu der Versammlung auf dem Markt, anschließend fuhr der Politiker mit Anhängerinnen und Anhängern eine zweistündige Ausfahrt durch den Saale- und Burgenlandkreis. Nach Tangermünde und Bitterfeld war es die dritte Tour dieser Art.

Die Marke Simson, das Werk in Suhl, in dem in der DDR die legendären Schwalben und S 50/51 vom Band liefen, gilt vielen als Inbegriff ostdeutscher Mobilität. Sie ist mehr als das: Der Betrieb geht auf die jüdischen Brüder Simson zurück, deren Unternehmen 1936 von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertrieben wurde. Die Familie floh in die Vereinigten Staaten. Was im Osten blieb, war die Marke – und mit ihr eine Geschichte, die in der DDR nicht erzählt wurde.

Diese Geschichte wird nun von den Nachfahren selbst erzählt, und sie fällt deutlich aus. Dennis Baum, Sprecher der heute in den USA lebenden Familie, erklärte im Namen der Verwandtschaft, man sei schockiert darüber, dass der Familienname auf T-Shirts und Postern in Verbindung mit der AfD auftauche. »Eine solche politische Vereinnahmung durch Nutzung des Namens, der auch für eine bekannte Mopedmarke steht, müsse vollkommen ausgeschlossen sein«, sagte Baum. Man empfinde, so wörtlich in einem früheren Interview, »jegliche Verbindung mit der AfD als eine Beleidigung unseres Namens«. Die Recherchen zu den Vorwürfen sind durch das Kollektiv CORRECTIV sowie durch SPIEGEL, ZEIT und WELT dokumentiert – unabhängige Quellen, die sich gegenseitig stützen.

Was also in Weißenfels über den Asphalt rollte, war kein neutrales Erinnerungsstück. Es war ein Wahlkampf-Symbol, das sich auf eine jüdische Familiengeschichte stützt – gegen den erklärten Willen dieser Familie. Der Landesverfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft die AfD, der Siegmund als Spitzenkandidat vorausgeht, als gesichert rechtsextrem ein. In den Umfragen liegt die Partei deutlich vor der regierenden CDU. Die Konstellation ist, mit Verlaub, eindeutig: Eine als rechtsextrem eingestufte Formation nutzt den Namen einer 1936 vertriebenen jüdischen Familie, um bei Wählerinnen und Wählern zu mobilisieren, für die »Simson« vor allem Moped bedeutet – und nicht Verfolgung.

Siegmund übergeht diese Kritik. Er übergeht sie nicht aus Versehen, und er übergeht sie auch nicht zum ersten Mal. Das Muster der Auftritte wiederholt sich: Ansprache, Publikum, gemeinsame Fahrt, Pressebilder. Vor der Veranstaltung in Weißenfels hatten Gegnerinnen und Gegner den Marktplatz mit Kreide bemalt; während der Reden blieb es still. Keine Gegendemonstration, nur das leise Vorzeichen auf dem Pflaster.

Hier liegt der Bruch, und er ist lehrreich. Es geht nicht um Geschmack, und es geht nicht um ein Moped. Es geht um den Umgang mit einem Namen, der für zwei Geschichten steht: eine ostdeutsche Alltagsgeschichte, die mit dem Klang eines Zweitaktmotors beginnt, und eine jüdische Familiengeschichte, die 1936 in Suhl endete. Wer die Schwalbe heute als Wahlkampfrequisite benutzt, ohne die zweite Geschichte mitzudenken, macht aus einem Erinnerungsort eine Bühne. Die Nachfahren in den USA müssen dabei zusehen, wie ihr Name in eine politische Landschaft eingespannt wird, die sie ausdrücklich ablehnen.

Man muss das Generationenproblem mitlesen. Siegmund ist jung, ein Teil seiner Anhängerschaft ist es auch. Für sie ist Simson ein Möbelstück der eigenen Kindheit, ostdeutsche Identität in Blech gegossen. Die Simson-Nachfahren hingegen tragen einen anderen Auftrag: das Erinnern an Entrechtung, Vertreibung und die Lehre, dass Namen nicht beliebig sind. Wenn die AfD diesen Namen nun für ihre Zwecke beansprucht, kollidieren zwei Erinnerungen – und die leisere, die jüdische, wird unter dem Gewicht der lauteren übertönt.

Die Bühne in Weißenfels war aufgebaut, die Helme saßen, die Motoren liefen. 1500 Menschen haben zugesehen, wie ein Spitzenkandidat auf einem Moped saß, dessen Marke einer jüdischen Familie gehört, die 1936 gehen musste. Die Nachfahren haben ihre Stimme erhoben, dokumentiert, nachprüfbar. Überhört wurde sie trotzdem. Was bleibt, ist die Frage, was hier eigentlich gefeiert wurde – und die nüchterne Feststellung, dass die Distanz zwischen 1936 und heute in Weißenfels an diesem Sonntag ein Stück kleiner geworden ist.

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