Zwanzig Prozent für private Hände — und die Seele des Spiels
Es gibt Verträge, die werden nicht gelesen, sondern unterzeichnet. Und es gibt Pläne, die werden nicht angekündigt, sondern vollzogen — während die Welt noch den Anpfiff erwartet. Die FIFA, dieser eigentümliche Zusammenschluss von 211 Fußballverbänden, der sich selbst als Hüter des Weltfußballs versteht, hat in dieser Woche einen solchen Plan vorgelegt. Gianni Infantino, ihr Präsident, möchte ein Tochterunternehmen gründen. Der Name: FFE. Der Wert, mit dem es in die Welt tritt: zwanzig Milliarden US-Dollar. Zwanzig Prozent davon sollen an private Investoren gehen. Der Erlös: mehr als vier Milliarden Dollar, umgerechnet rund 3,5 Milliarden Euro. Insgesamt, so berichten die britische Times, der Telegraph und die Financial Times übereinstimmend, könnte der Deal ein Volumen von umgerechnet mehr als 17 Milliarden Euro erreichen.
Man muss diese Zahlen langsam lesen, damit sie ihre Wirkung entfalten. Vier Milliarden für ein Fünftel eines Unternehmens, das künftig die kommerziellen Rechte an Männer-Weltmeisterschaften, Frauen-Weltmeisterschaften und der Klub-WM bündeln soll. Die FIFA, so betont sie in ihrer Mitteilung, bliebe Mehrheitseigentümerin. Alle 211 Mitgliedsverbände sollen kleinere Anteile erhalten — Anteile, die sie behalten oder verkaufen können. Was wie Großzügigkeit aussieht, ist eine Einladung zur Spekulation auf das eigene Spiel.
An den Plänen, so melden es die genannten britischen Medien, soll auch Joshua Kushner beteiligt sein — Tech-Investor, Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des US-Präsidenten Donald Trump. Die Investmentbank JP Morgan wickelt den Prozess ab. Die Regierung Trump, heißt es aus den Verhandlungen, sei konsultiert worden. Infantino selbst, dessen Amtszeit laut FIFA-Statuten 2031 endet, könnte nach seiner Präsidentschaft in die Funktion eines Kommissars der neuen Organisation wechseln.
Die Reaktion aus Europa fiel so heftig aus, dass selbst routinierte Beobachter die Stirn runzelten. Die UEFA sprach in einer Stellungnahme von einer Grenze, „die die führenden Institutionen des Fußballs niemals überschreiten dürfen", und fügte einen Satz hinzu, den manchem Statement aus dem diplomatischen Genf zur Ehne gereichen würde: „Die Seele und die Führung des Fußballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf — insbesondere dann nicht, wenn völlig intransparent ist, wer finanziell davon profitiert. Keiner von uns besitzt den Fußball. Es ist nicht an der FIFA, ihn zu verkaufen." Hans-Joachim Watzke, Präsident der Deutschen Fußball Liga und Vize im UEFA-Exekutivkomitee, sagte dem kicker: „Viele im europäischen Fußball sehen die Pläne der FIFA als absoluten Angriff auf den Fußball an. Diese Haltung teile ich. Hier wird eine Grenze überschritten." Für die laufende Woche wurde eine digitale Dringlichkeitssitzung der europäischen Verbände anberaumt. Im Raum steht ein Wort, das in Fußballkreisen sonst nur hinter vorgehaltener Hand fällt: Boykott.
EU-Sportkommissar Glenn Micallef schrieb auf X: „Hände weg von unserem Sport. Die unaufhaltsame Kommerzialisierung des Fußballs hat sich zu einem zerstörerischen Ausmaß entwickelt." Sepp Blatter, Infantinos Vorgänger im Amt und selbst Architekt früherer Kommerzialisierungsschritte, meldete sich ebenfalls zu Wort: Die „enge Beziehung" zwischen Infantino und Trump habe „eine finanzielle Dimension erreicht, die dem Fußball tief schadet. Niemand hat das Recht, unser Spiel zu verkaufen." Laut Times sei der Plan bei den Europäern wie eine „Atombombe" eingeschlagen.
Was hier verhandelt wird, ist nicht nur ein Anteilspaket. Es ist die Frage, wem ein Spiel gehören kann, das seit Generationen als Allgemeingut begriffen wird. Die FIFA hat in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, dass sie Verträge zugunsten ihrer Bilanz zu lesen versteht — von Fernsehrechten über Sponsoring bis zur Vergabe von Turnieren an Staaten, deren Menschenrechtsbilanz bestenfalls als Blümchenmuster durchgeht. Die zwanzig Prozent, die nun an Private gehen sollen, sind die bislang konsequenteste Fortsetzung einer Logik, die schon vor Infantino begann: das Spiel als Bilanzposten, das Turnier als Wertanlage, die Seele als Bilanzposition.
Intransparenz, so formuliert es die UEFA, ist das eigentliche Vergehen. Wer die zwanzig Prozent zeichnet, welche Fonds dahinterstehen, welche Staatsfonds sich hinter Vehikeln verbergen — all das ist derzeit nicht zu sehen. Man wird sehen, ob die Dringlichkeitssitzung der UEFA mehr hervorbringt als Empörung. Man wird sehen, ob die 211 Verbände, denen ein Anteil angeboten wird, diesen als Mitgift oder als Menetekel begreifen. Und man wird sehen, ob die Spielerinnen und Spieler, die im kommenden Jahr in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko um den Titel antreten, noch wissen, wem dieser Titel eigentlich gehört — dem Verband, dem Publikum oder denen, die dafür bezahlt haben.