Tagebuch gegen Dementi — Delhis Polizei und die zwei Versionen der Wahrheit
Es gibt zwei Sorten von Wahrheit in dieser Stadt: jene, die in den Pressekonferenzen gesprochen wird, und jene, die in den Akten steht — und wer zwischen beiden den Rhythmus nicht mehr erkennt, der hat die Mechanik der Macht nicht verstanden, die hier seit Jahrzehnten in der gleichen Tonart exerziert wird. Man erinnere sich der Genfer Protokolle, die unterzeichnet und nicht eingehalten wurden, der Erklärungen, die verschleiern sollten, was sie einräumten, und man wird das Muster wiedererkennen.
Am Montag wird der Delhi High Court eine Petition verhandeln, die der Delhi Police "intrusive Überwachung" von Demonstranten der Cockroach Janta Party vorwirft. Die Demonstranten protestieren seit mehr als sechsundzwanzig Tagen am Jantar Mantar gegen die Bildungsministerin Dharmendra Pradhan, wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei der NEET-UG-Prüfung. Die Polizei bestreitet das, wie sie stets bestreitet, wenn die Vorwürfe zu konkret werden: Man filme, so heißt es aus den offiziellen Mitteilungen, ausschließlich "for law and order", nicht für Überwachung — als ob die Linse der Staatsmacht zwischen diesen beiden Aufgaben einen moralischen Unterschied kennte, den sie nicht schon im Objektiv selbst auslöscht.
Doch diesmal widersprechen die Dokumente der offiziellen Linie auf eine Weise, die kein noch so geschickter Pressetext mehr zu harmonisieren vermag.
Ein Tagebucheintrag der Rapid Action Force autorisiert den Einsatz von Schrotgewehren — pellet guns — bei einer Demonstration, die mit den NEET-Protesten in Verbindung steht. Die Delhi Police bestritt den Einsatz. Die Akte sagt: doch. Die Logik der Behörde sagt: die Rapid Action Force ist eine Einheit, die der Polizei untersteht, und was in ihrem Tagebuch steht, fällt auf jene zurück, die die Einheit kommandieren.
Ein Lastwagen, voll beladen mit Steinen, wird vor dem für den zwanzigsten Juli angesetzten Marsch am Protestgelände geparkt aufgefunden. Die Delhi Police teilt mit, die Behauptungen, der LKW sei "absichtlich in der Nähe des Jantar Mantar oder vor dem Büro einer politischen Partei" positioniert worden, seien "false and misleading" — falsch und irreführend. Der Lastwagen befand sich, wie sich herausstellte, in Polizeigewahrsam.
Man darf diese Mitteilung einen Augenblick lang auf der Zunge zergehen lassen: Die Polizei bestreitet nicht, daß der Lastwagen Steine enthielt; sie bestreitet nicht, daß er am Ort des Geschehens stand; sie bestreitet die Deutung — den Vorsatz, die Inszenierung, den politischen Willen hinter der Geste. Was sie bestreitet, ist die Grammatik der Tat. Was sie einräumt, ist das Vokabular.
Die Communist Party of India (Marxist) hat das Vorgehen der Polizei am Hauptquartier der Partei in Delhi verurteilt — und sie tut damit, was Parteien in solchen Momenten immer tun: sie benennt den Hebel, ohne den Mechanismus zu zeigen. Doch die Frage, die über jede taktische Stellungnahme hinausgeht, ist die, was die Polizei mit der gleichen Energie gegen die eigenen Reihen unternimmt — gegen jene, die den LKW bestückten, gegen jene, die den Schrotgewehreinsatz absegneten.
Was die indische Presse darüber hinaus formuliert hat, wiegt schwerer: Daß die Polizei Demonstranten verfolgt, gegen die eigenen Leute aber nicht einschreitet, sei eine "grave concern for India's democracy" — ein Satz, der nichts behauptet und alles sagt. Die Petenten vor dem High Court sprechen von "indiscriminate surveillance". Die Polizei spricht von Videografie für die öffentliche Ordnung. Beide bedienen sich desselben Vokabulars — nur die Adjektive unterscheiden sich.
Was vor dem Delhi High Court am Montag verhandelt wird, ist deshalb mehr als eine Petition. Es ist die Frage, ob eine Behörde, die in den eigenen Reihen den Einsatz von Schrotgewehren autorisiert, die einen Lastwagen mit Steinen unter ihrem Gewahrsam an ein Protestgelände führen läßt, die mit Kameras Demonstranten begleitet, deren einziges Vergehen das Verweilen auf einem öffentlichen Platz ist — ob diese Behörde noch die Kompetenz besitzt, über "law and order" zu sprechen, ohne daß ihr jede Silbe wie eine Fälschung schmeckt.
Die Delhi Police hat, nach zwölf Stunden, ihre Erklärung abgegeben. Jeder, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, weiß, daß die Erklärung selbst die Anklage ist. Wir schreiben mit Handschuhen, aber wir lesen ohne sie — und sehen desto schärfer. Was bleibt, ist das Muster: Pressekonferenz, Dementi, Akte. Pressekonferenz, Dementi, Akte. Wer zählt, gewinnt.