← Zurück zur Titelseite Politik

Albanien setzt vier Millionen auf einen Abend

2. August 2026 — — — Kastner

Im Schatten der andauernden Proteste in Tirana, die seit Wochen Zehntausende auf die Straße tragen, hat die albanische Regierung unter Premierminister Edi Rama eine Entscheidung getroffen, die das Land weiter spaltet: vier Millionen Euro, nach eigenen Angaben „in letzter Minute" bereitgestellt, für ein Konzert von Kanye West am kommenden Samstag auf einer eigens errichteten Anlage am Stadtrand der Hauptstadt.

Die Bühne ist provisorisch, die Dimension nicht. Nach Angaben von Kulturminister Blendi Gonxhja arbeiten 3.500 Menschen rund um die Uhr, um das Stadion bis Donnerstag fertigzustellen. Fünfundzwanzigtausend Besucher aus achtzig Ländern haben Eintrittskarten erworben – mehr als für das Conference-League-Finale, das 2022 in Tirana ausgetragen wurde. Rama sprach auf Facebook von einer Veranstaltung, die Tirana für einen Tag zur „Welthauptstadt des musikalischen Spektakels" machen werde. Der Kulturminister sprach von einem „außerordentlichen, direkten wirtschaftlichen Nutzen".

Rama verteidigt die Mittel als ökonomische Notwendigkeit. Die Summe sei geflossen, um Albanien „nicht in Verlegenheit zu bringen" vor den bereits angereisten Gästen. Zudem rechnet die Regierung mit mindestens hundert Millionen Euro an Einnahmen durch Übernachtungen und Konsum. Das ist, nüchtern betrachtet, eine Wette: 4,2 Millionen Einsatz, prognostizierte hundert Millionen Ertrag. Am Ende eines Samstagabends wird sich entscheiden, ob diese Rechnung aufgeht. Belege für die prognostizierten Einnahmen hat die Regierung bislang nicht vorgelegt.

Die Kritik kam früh. Die albanische jüdische Gemeinde hatte bereits am 3. Mai erklärt, eine öffentliche Plattform für eine Person, die mit judenfeindlicher Rhetorik verbunden sei, stelle „keine kulturelle Offenheit, sondern eine moralische Widersprüchlichkeit" dar. „Ein solches Konzert ist nicht ‚nur ein Konzert'", hieß es in der Stellungnahme. „Es ist Verstärkung. Es ist Legitimierung in den Augen der Öffentlichkeit, auch wenn das nicht direkt ausgesprochen wird."

Kulturminister Gonxhja nannte West dennoch „einen großen Künstler". Die Regierung sieht in der Veranstaltung eine Möglichkeit, Albaniens internationales Profil zu schärfen – ein Argument, das das Land seit Jahren verfolgt, seit Rama international um Investitionen und politische Unterstützung für den einst isolierten Staat an der Adria wirbt. West sei, so die Regierungslinie, ein musikalisches Ereignis; alles andere sei inszenierte Empörung.

Rigels Xhemollari von der Nichtregierungsorganisation Civic Resistance hält dem entgegen, mit 4,2 Millionen Euro hätten Sommerlager für fünfzehntausend Kinder über dreißig Tage finanziert werden können. Die Regierung habe sich stattdessen für ein eintägiges Spektakel entschieden. Die Opposition hatte bereits am 30. Juni gefordert, das Konzert abzusagen. Dies geschah nicht.

Die Proteste, die Albanien seit über einem Monat erschüttern, richteten sich zunächst gegen ein Luxusresort von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, in einem Naturschutzgebiet. Die Demonstranten werfen Rama Korruption und Selbstherrlichkeit vor, Vorwürfe, die dieser zurückweist. Hinzu kamen Kritik an weiteren Küstenentwicklungsprojekten und die Forderung nach Ramas Rücktritt. Das Kanye-West-Konzert ist in dieses Klima hineingestellt worden – ein weiterer Brandherd in einer Stadt, die seit Tagen nicht zur Ruhe kommt.

Ye, wie West sich nennt, war nach antisemitischen Äußerungen und einem Lied mit dem Titel „Heil Hitler" aus Großbritannien ausgewiesen worden. Sein geplanter Auftritt in London wurde daraufhin abgesagt. Auch in weiteren europäischen Ländern wurde er für diesen Sommer gesperrt. Albanien ist die Station, die das Konzert nun durchführt – und nach derzeitigem Stand der einzige europäische Staat, der es mit Haushaltsmitteln in dieser Größenordnung mitfinanziert.

Die Regierung hat einen Beschluss des Ministerrats veröffentlicht, der die teilweise Finanzierung „einer kulturellen und touristischen Aktivität des international bekannten Künstlers Kanye West" vorsieht. Rama und Gonxhja haben das Konzert gemeinsam beworben, gemeinsam verteidigt, gemeinsam eingeweiht. Am Tag der Eröffnung werden sie vermutlich auch gemeinsam auf der Bühne stehen.

Was Albanien am Ende gewinnt, hängt davon ab, wann man nachzählt. Am Samstagabend wird eine Zahl eingehen – Besucherzahlen, Hotelbuchungen, voraussichtlich ein wenig internationaler Glanz. Die andere Zahl, die moralische, wurde bereits im Mai aufgeschrieben – von jenen, die in diesem Land wissen, was öffentliche Bühnen mit der Erinnerung tun.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite