Wenn das Wasser fällt, fallen die Masken
Man muss den Männern in den Sälen von Washington nicht in die Augen sehen, um zu wissen, dass sie lügen. Man muss nur die Zahlen lesen. Der Hoover-Damm hat im Jahr 2000 noch fünfeinhalb Millionen Megawattstunden Strom erzeugt — eine beinahe beiläufige Größe, ein Betriebsergebnis, das in den Geschäftsberichten der Nation unter ‚regulärer Betrieb‘ verbucht wurde. Im Jahr 2023 war es nur noch die Hälfte. Am Glen-Canyon-Damm fiel die produzierte Strommenge von viereinhalb Millionen Megawattstunden auf rund 2,7 Millionen. Das sind keine Schwankungen mehr. Das ist die Partitur eines langsamen Verstummens.
Denn wenn der Wasserstand im Lake Powell um weitere zehn Meter sinkt, sagen die Ingenieure mit jener Sachlichkeit, die Katastrophen trägt, wird das Reservoir nicht mehr genug Wasser führen, um hydroelektrischen Strom zu erzeugen. Das Wasser kann dann nicht mehr durch den Damm fließen. Die Turbinen stehen still. Arizona und Kalifornien wären betroffen — Millionen Menschen, Millionen Morgen Land, Stromnetze, Klimaanlagen, Krankenhäuser. Sieben Bundesstaaten beziehen ihr Wasser aus dem Colorado-Fluss und können sich nicht darauf einigen, wie sie es aufteilen sollen. Der Fluss liefert Wasser und Strom. Seit einigen Jahren führt er immer weniger Wasser. Entsprechend sinkt die Stromausbeute.
Kalifornien, so erklärte JB Hamby, der Vorsitzende des Colorado River Board of California, hat ‚the biggest stake on the Colorado River‘. Das ist höflich formuliert: Es bedeutet, dass Kalifornien den größten Anteil am Sterben trägt. Rund ein Drittel des Wassers für Südkaliforniens Städte und Vororte stammt aus dem Fluss, dazu die Bewässerung von Millionen Acres Farmland.
Die Trump-Administration hat nun, mit der ihr eigenen theatralischen Geduld, einen Zehn-Jahres-Plan vorgelegt. Kalifornien soll seinen Verbrauch bis 2028 um etwa zwölf Prozent senken, Arizona um 31 Prozent, Nevada um 28 Prozent. Die unteren drei Bundesstaaten — Kalifornien, Arizona, Nevada — die in den vergangenen Jahren ihren Verbrauch bereits deutlich reduziert haben, tragen damit die Hauptlast einer Krise, die sie nicht verursacht haben. Die Kürzungen summieren sich auf bis zu 130 Milliarden Kubikfuß Wasser durch das Jahr 2036 — eine Menge, die nach offiziellen Schätzungen 25 Millionen Menschen pro Jahr versorgen könnte.
Secretary of the Interior Doug Burgum sprach von einem Rahmenwerk, das ‚Flexibilität‘ biete und ‚die Möglichkeit bewahre, zu dauerhaften, konsensbasierten Lösungen zu gelangen‘. Man höre die Handschuhe über dem Papier rascheln.
Während die Beamten sich an Worten berauschen, steigt im oberen Einzugsgebiet — Colorado, Wyoming, Utah, New Mexico — der Verbrauch weiter an. Diese Bundesstaaten verbrauchen mehr Wasser als noch 2015. Sie, so erklärte Kelly Shannon McNeill, Geschäftsführerin von LA Waterkeeper, ‚argumentieren, dass sie sich keine Kürzungen leisten können‘. Es gehe, fügte sie hinzu, um den politischen Willen. Wer seinen Verbrauch erhöht, während alle anderen verringern, hat nicht zu wenig Wasser; er hat eine Position, die es ihm erlaubt, sich der Logik des Mangels zu entziehen.
Die Administration hat die Geduld verloren. Die Behörden sprechen nun von Kürzungen um fast das Doppelte des ursprünglich vorgeschlagenen Betrags. Das ist kein politisches Statement. Es ist ein Verwaltungsakt, der in seiner Schroffheit eine Eskalation markiert. Arizona hat bereits protestiert. Gouverneurin Katie Hobbs nannte die Pläne ‚unangemessen, bundesstaatlich verhängte Kürzungen‘ und warnte: ‚Sie werden für Arizonaner inakzeptabel sein und jeden Amerikaner in Gefahr bringen‘. Man beachte das Verb: Sie werden jeden Amerikaner in Gefahr bringen. Es ist die Sprache einer Frau, die weiß, dass sie selbst betroffen sein wird.
Die Mechanik hinter dem Vorhang ist alt und vertraut. Die anhaltende Dürre hat den Vertrag, der das Wasser einst verteilte, in ein Dokument verwandelt, das von keinem mehr eingehalten wird. Die Schneeschmelze aus den Rocky Mountains, einst verlässlich wie ein Uhrwerk, bleibt aus. Die zwei größten Stauseen der USA — Lake Mead und Lake Powell — führen ‚historisch niedrige‘ Pegel, wie CBS News schrieb; ‚historisch‘ bedeutet hier: niedriger als je zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen.
Was hier zu beobachten ist, geht über Megawattstunden hinaus. Es geht um die Frage, ob eine Republik, die ihre eigenen Reserven nicht mehr verteilen kann, noch eine ist — oder nur noch eine Bürokratie, die Statistiken führt. Die Bauern, die den Großteil des Wassers verbrauchen, werden die Ersten sein, die die Kosten zahlen. Die Außenbereiche werden bewässert oder nicht bewässert. Die Städte werden höhere Kosten tragen, um Wasser zu sichern. Das ist die Architektur des Mangels: Die einen verlieren ihre Felder, die anderen ihre Stabilität, alle verlieren ihre Illusion, dass der Westen der Vereinigten Staaten ein Ort des Überflusses sei.
Man kann diese Zahlen als Budgetproblem lesen. Man kann sie als Klimakrise lesen. Man sollte sie aber auch als das lesen, was sie sind: ein Offenbarungseid einer politischen Klasse, die über Jahrzehnte hinweg Verträge unterschrieb, Wasser pumpte, Städte baute, als wäre der Fluss unerschöpflich — und die nun, da er versiegt, mit der ihr eigenen Grandezza Pläne vorlegt, die den Untergang nicht aufhalten, sondern nur seine Choreografie festlegen.
Die Handschuhe sind noch immer angezogen. Aber das Papier, auf dem diese Zeilen geschrieben werden, ist nicht weiß. Es ist das Papier der Landkarten des amerikanischen Westens, das langsam die Farbe von ausgetrockneter Erde annimmt.