Corax und das Wort von der Zermürbung Eine Anklage, die ihre Akten noch sucht
Halle. Der freie Radiosender Corax hat ein Wort ausgesprochen, und dieses Wort ist schwer. Zermürbung. Die AfD, so der Sender, versuche ihn zu zermürben. Eine solche Bedrohung sei inakzeptabel und werde nicht toleriert. So steht es in einer Mitteilung, die uns diese Woche erreichte. Zwei Sätze. Zwei starke Behauptungen. Und, bislang, keine Akte.
Man sollte innehalten. Man sollte den Bleistift spitzen und fragen, leise und mit Handschuhen: Was, bitteschön, ist eine Zermürbung wert, wenn man sie nicht belegt?
Das Wort „zermürben" ist kein gefälliges Wort. Es steht im Strafgesetzbuch. Es beschreibt ein systematisches, wiederholtes Vorgehen gegen die Widerstandskraft eines Menschen oder einer Einrichtung, eine Kampagne, die nicht laut sein muss, sondern leise, hartnäckig, eben zermürbend. Wer dieses Wort in den Mund nimmt, übernimmt eine Beweislast. Er schuldet dem Leser Vorgänge, Daten, Namen, eine Chronologie. Sonst ist es, mit Verlaub, eine Parole — nichts weiter, eine Parole.
Dass die AfD Sachsen-Anhalt und Radio Corax sich politisch gegenüberstehen, ist indessen keine Behauptung von uns. Es ist dokumentiert. Das Transit Magazin schrieb am 30. März 2026, der Sender stehe „im Visier" der Partei. Die Fachzeitschrift radioWOCHE legte am 29. Januar 2026 den Entwurf eines Regierungsprogramms 2026 vor, das den nicht-kommerziellen Rundfunk in Sachsen-Anhalt empfindlich treffen soll, Corax namentlich. Die taz fragte am 6. März 2026, wie der Sender mit dieser Strategie umgehe. Bausteine. Kein Urteil. Kontext, kein Beweis.
Was wir hingegen nicht wissen: Welche konkreten Schritte Corax selbst angekündigt hat, um der vermeintlichen Zermürbung zu begegnen. Die Mitteilung sagt: inakzeptabel. Sie sagt: nicht toleriert. Das ist eine Haltung, gewiss, eine ethisch klare, eine ehrenwerte. Aber es ist die Ouvertüre, nicht der erste Akt. Eine Zeitung, die ihre Leser ernst nimmt, darf sich mit der Ouvertüre nicht begnügen. Sie muss fragen, welche Maßnahmen folgen, welche Mittel eingelegt werden, welche Klage erhoben, welcher Anwalt bestellt, welche Akte geführt wird.
In Genf, wo man Verträge las, die nie eingehalten wurden, lernte man eine kleine Regel, die sich als nützlich erwies: Eine Drohung wird erst dann zur Tatsache, wenn sie Spuren hinterlässt. Ein Angriff wird erst dann glaubwürdig, wenn er dokumentiert ist. Eine Zeitung druckt keinen Vorwurf wegen eines Vorwurfs. Eine Zeitung druckt einen Vorwurf wegen seiner Belege.
Wir prüfen das Wort „Zermürbung" daher bis auf den letzten Buchstaben, bevor wir es setzen. Nicht aus Misstrauen gegenüber dem Sender, sondern aus Achtung vor dem Wort selbst und vor dem, was es bedeutet, wenn es fällt.