Sechs Klagen gegen L'Oréal: Was die Benzol-Zahlen in CeraVe wirklich zeigen
Sechs Sammelklagen gegen den französischen Kosmetikkonzern L'Oréal. Sechs Namen auf sechs Schriftsätzen. Sechs verschiedene Bundesstaaten. So weit, so dokumentiert. Die Behauptung, die seit dem Sommer 2026 durch die sozialen Medien läuft, folgt dem gewohnten Muster: ein Wirkstoff, der sich zersetzt; ein bekanntes Karzinogen, das dabei entsteht; ein unabhängiges Labor, das misst; ein Rechtsstreit, der folgt.
Was diesmal anders ist: Die Behauptung hält einer Überprüfung stand. Snopes stuft sie als True ein.
Beginnen wir mit dem Wirkstoff. Benzoylperoxid, kurz BPO, behandelt Akne. Es steht seit Jahrzehnten in den Regalen amerikanischer Drogerien. CeraVe, eine Marke des L'Oréal-Konzerns, führt zwei Produkte mit diesem Stoff: einen Acne Foaming Cream Cleanser mit vier Prozent BPO und einen Acne Foaming Cream Wash mit zehn Prozent. Beide Konzentrationen bestätigt der Hersteller selbst auf der eigenen Webseite.
Nun das zweite Molekül. Benzol — ein Group-1-Karzinogen nach Einschätzung der internationalen Krebsagentur. Es verursacht Krebs beim Menschen. Es gibt keine sichere Exposition.
Im März 2024 trat das unabhängige Labor Valisure an die Öffentlichkeit. Gegründet von ehemaligen Yale-Studierenden, veröffentlichte es eine Erklärung, die kein CeraVe-Produkt namentlich nannte, aber den Wirkstoff ins Zentrum rückte. Benzoylperoxid, so das Labor, zersetzt sich bei relativ niedrigen Temperaturen zu Benzol. Valisure inkubierte BPO-haltige Produkte bei 37 Grad Celsius — Körpertemperatur. Bei 50 Grad, der Temperatur pharmazeutischer Stabilitätstests. Bei 70 Grad, wie sie in einem geparkten Auto herrschen kann. In allen drei Fällen fanden die Labormitarbeiter Benzol in erhöhten Konzentrationen.
Die Messwerte, die anschließend durch die sozialen Medien wanderten und schließlich bei Snopes landeten, stammen aus Yale-Forschungslaboren: 5 bis 12 ppm Benzol in CeraVe-Produkten. Die FDA-Grenze liegt bei 2 ppm. Bis zum Sechsfachen des erlaubten Werts.
Was dann folgte, war Aktenkunde. Jennifer Snow reichte am 8. März 2024 in Hawaii Klage ein. Holly Grossenbacher folgte am 15. März in Louisiana. Am 19. März zogen Ellen Painter und Robert Hightower in Missouri nach. Lucinda O'Dea reichte am 5. April in Illinois ein, Ciara Noakes am 11. April, Latifah Abednego am 24. Mai in New York.
Im November 2024 beantragten alle Kläger, ihre Verfahren zu bündeln und vor ein einziges Bundesbezirksgericht zu bringen. Das ist ein üblicher Schritt bei Sammelklagen — kein Schuldeingeständnis, nur Verfahrenstechnik.
Was Snopes verifiziert hat: die Existenz der sechs Verfahren, die Verbindung zu L'Oréal, die Quelle Valisure, die BPO-Konzentrationen in den genannten CeraVe-Produkten. Was Snopes nicht bewertet hat, ist genau die Frage, die hier den Auftrag einer freien Presse ausmacht: ob die gemessenen Benzolwerte reproduzierbar sind; ob Lagerung und Transport die Ergebnisse verändern; welche Konsequenzen L'Oréal aus den Befunden zieht.
Eine Behauptung steht im Raum — sie muss sich an ihrer Methodik messen lassen. Valisure hat Messprotokolle vorgelegt. Diese Protokolle werden nun geprüft: von Anwälten der Beklagten, von FDA-Prüfern, von unabhängigen Laboren. Das ist der übliche Gang eines Streits um Messwerte, nicht mehr und nicht weniger.
Drei Fragen hält dieser Bericht offen. Erstens: Zersetzt sich BPO tatsächlich bei 37 Grad Celsius zu Benzol — oder erst bei höheren Temperaturen, wie sie im Badezimmer oder im geparkten Wagen herrschen? Zweitens: Welche Produkte im heutigen Regal sind noch betroffen — welche hat L'Oréal bereits reformuliert? Drittens: Wer trägt die Beweislast, wenn die Testmethode vor Gericht hält — und wer, wenn sie zerbricht?
L'Oréal ist in den vorliegenden Berichten nicht zu den laufenden Verfahren zitiert. Das Unternehmen verwies auf seine Webseite. Die Klägeranwälte verweisen auf die Akten.
So bleibt das Bild, das jeder Wissenschaftler kennt: ein Wirkstoff, von dem man glaubte, ihn zu kennen; eine Beobachtung, die das Gegenteil behauptet; ein Verfahren, in dem die Wahrheit ans Licht kommen soll, bevor ein Richter sie verlangt. Das Laboratorium hat die Frage gestellt. Der Flur vor dem Gerichtssaal wird sie verhandeln.
Was passiert, wenn die nächste Hitzewelle über ein Lagerregal rollt?