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Wie viel kostet die Wahrheit: Merck und das Wiener Verfassungsgericht

2. August 2026 — — — Kastner

Manche Schlachten werden nicht dort entschieden, wo die Kameras stehen. Diese hier schon gar nicht. Sie wird entschieden in den kargen Sälen österreichischer Verwaltungsgerichte, von Richtern, deren Namen morgen niemand mehr kennt, über Absätze in Verträgen, die niemand zu Gesicht bekommt — und am Ende, wenn die Akten ihren Weg gefunden haben, vielleicht vor dem Verfassungsgerichtshof in Wien. Die Frage, um die gerungen wird, klingt einfach und ist es nicht: Wie viel zahlen die öffentlichen Spitäler Österreichs tatsächlich für Keytruda, jenes Krebsmedikament, das den Markt beherrscht wie kaum ein zweites?

Hinter der Frage steht ein Pharmakonzern. Merck & Co., in den Vereinigten Staaten zu Hause, im europäischen Raum als MSD firmierend, hat sich, gemeinsam mit seiner österreichischen Tochtergesellschaft, gegen eine Auskunftsanfrage gestellt, die profil und Der Standard im Rahmen der internationalen Recherche „Cancer Calculus" formuliert haben — einem Verbund von 47 Medienpartnern in 37 Ländern, koordiniert vom International Consortium of Investigative Journalists. Die Journalisten wollten wissen, was die Krankenhäuser der neun Bundesländer nach Rabatten real für Keytruda entrichten, und wie viel sie jährlich dafür ausgeben. Die Antwort, die sie erhielten, war in den meisten Fällen: Schweigen, teils partiell, teils vollständig.

Dass dieses Schweigen nicht aus Bösartigkeit allein entsteht, sondern aus Verträgen, gehört zur Mechanik. In den Liefervereinbarungen zwischen Spitälern und Merck sind Vertraulichkeitsklauseln verankert. Das bedeutet: Selbst die Bundesgesundheitsbehörde kennt den Preis nicht, den ein Krankenhaus nach Verhandlung an den Hersteller überweist. Was sie kennt, sind Listenpreise. Die allerdings erzählen eine beachtliche Geschichte. Dem Listenpreis nach beliefen sich die Ausgaben für Keytruda im Jahr 2024 auf schätzungsweise 245 Millionen Euro; im Zeitraum von 2020 bis 2024 summierten sie sich auf mehr als 900 Millionen Euro — der größte Posten im Medikamentenetat der öffentlichen Spitäler des Landes.

Im September 2025 trat in Österreich ein neues Informationsfreiheitsgesetz in Kraft, das eine jahrhundertealte verfassungsrechtliche Regelung ablöste, nach der Regierungsdokumente grundsätzlich geheim und nur schwer einzufordern waren. profil und Der Standard stellten ihre Anfragen noch im Spätherbst 2025. Einige Spitäler lieferten Teilantworten, keines den tatsächlichen Preis. Im Frühjahr 2026 fochten die Redaktionen die Ablehnungen vor den Verwaltungsgerichten der Bundesländer an. Im Mai reisten Reporter beider Häuser durch das Land, ohne anwaltliche Vertretung, und trugen ihre Argumente persönlich vor — vor Richterinnen und Richtern, deren Entscheidungen nun in Richtung Verfassungsgericht weisen.

Was Merck in diesen Verfahren vortrug, ist in einer gerichtlichen Verfügung dokumentiert. Die Offenlegung des Nettopreises, so die Argumentation der Konzernanwälte, würde Geschäftsgeheimnisse preisgeben, Wettbewerbern einen „informatorischen Vorteil" verschaffen und die Wettbewerbsposition des Unternehmens schädigen. Sie ergänzten, eine Veröffentlichung könne überdies Preiserhöhungen nach sich ziehen — im Kontext der „Most Favored Nation Drug Pricing"-Politik der US-Regierung unter Präsident Donald Trump, die darauf abzielt, amerikanische Medikamentenpreise an die Preise anderer Länder anzupassen.

Die Mechanik, die hier sichtbar wird, ist nicht neu. Sie ist nur besonders deutlich. Auf der einen Seite steht ein Informationsanspruch, den der Gesetzgeber ausdrücklich geschaffen hat. Auf der anderen steht ein Industrieunternehmen, das geltend macht, sein Wettbewerbsvorteil sei gleichbedeutend mit dem Schutz von Verträgen — und damit dem Schutz von Zahlen, die für Patienten, Steuerzahler und die öffentliche Gesundheitspolitik gleichermaßen von Belang sind. Dazwischen liegen Richter, Verfahren und eine Frage, die noch niemand beantwortet hat.

Zur Einordnung der Größenordnung, um die hier gestritten wird: Keytruda erwirtschaftete nach Konzernangaben 31,7 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr 2025, nahezu die Hälfte des Gesamtumsatzes von Merck. Eine Einzeldosis wird in den Vereinigten Staaten mit rund 162.000 Dollar abgerechnet. Das Mittel hat den New Jerseyer Konzern zum größten Akteur im Onkologiemarkt gemacht und ist zugleich zum Gegenstand einer Debatte geworden, in der es um mehr geht als um einen Preis.

Der Ausgang ist offen. profil und Der Standard haben angekündigt, den Rechtsweg weiterzuverfolgen. Sollte der Fall das Verfassungsgericht erreichen, werden die Richter in Wien über mehr entscheiden als über einen Medikamentenpreis. Sie werden über die Reichweite eines Gesetzes entscheiden, das gerade einmal ein Jahr alt ist.

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