Die Mechanik der Sommerfeste
Im Juli verkehrt sich das Private ins Öffentliche, und was als Einladung daherkommt, ist in Wahrheit ein kleiner Verwaltungsakt der Erschöpfung. Man bringe etwas mit. Man solle kommen. Man werde grillen. So beginnt sie, die Saison der kollektiven Müdigkeit, deren Koordinaten eine Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung kürzlich mit der Präzision einer Geschäftsfrau umrissen hat: Der Juli gleiche dem Dezember, eine Feier jagt die nächste, und dazwischen liege nur die Frage, ob man den richtigen Wein und die richtige Begleitung mitbringe. Annette Jäger notierte diese Verschiebung des Jahres, sie sprach vom Irrtum, beinahe ein Blech Vanillekipferl gebacken zu haben in einem Monat, der keinen Backtag kennt, und traf damit einen Nerv, der weiter reicht als das eigene Backblech.
Denn die Vanillekipferl sind Nebensache. Was sich zeigt, ist ein Mechanismus. Wer im Sommer durch deutsche Vorgärten, Dachterrassen und Biergärten geht, wer die Sprache der Einladungen hört und die Sprache der Gäste, der stößt auf eine Repetition, die so zuverlässig tickt wie ein Uhrwerk aus einer Zeit, in der man noch glaubte, Präzision sei ein Heilsversprechen. Aperol Spritz. Eisgekühlter Rosé. Bringt Wein mit. Bei mir um sieben. Nimm nicht den hellen, den anderen. Die Sätze gleichen sich nicht, weil die Menschen sich gleichen; sie gleichen sich, weil die Sätze sich gleichen. Sie werden gewälzt wie Münzen, die ihren Wert nicht durch Material, sondern durch Umlauf gewinnen.
Hier beginnt die politische Lesart, und sie ist keine Hypothese, sondern eine Beobachtung am hellen Tag. Die Floskel ist kein Stilmittel, sie ist ein Symptom. Sie verrät eine Trägheit, die nicht aus Bequemlichkeit entsteht, sondern aus dem Kalkül, dass Wiederholung weniger Aufwand bedeutet als Abweichung. Wer beim dritten Grillabend in derselben Woche noch erklären muss, warum er diesmal Mineralwasser mit Gurke mitbringt statt des üblichen Einkaufswageninhalts, hat verloren, bevor er den Korken gezogen hat. Die kollektive Erleichterung liegt in der Wiedererkennbarkeit. Man muss sich nicht erklären. Man muss nur erscheinen.
Und genau hier öffnet sich das Feld, auf dem die Ökonomie ihre kleinen Feste feiert. Die Industrie der Getränke, der Textilien, der Möbel für draußen, der Lampions, der Einweggrills, der Blumengirlanden – sie alle leben von dieser Wiederholung. Wenn der Juli dem Dezember gleicht, dann nicht, weil die Menschen so viel zu feiern hätten, sondern weil der Konsumzyklus ein Interesse daran hat, dass sie es glauben. Ein 0,33-Liter-Aperol-Spritz für 6,50 Euro in einer Münchner Innenstadtbar, die Sonderedition des Sommers, die jede Saison aufs Neue ihre Form wechselt und doch immer dieselbe bleibt – das ist das Versprechen, das sich in jede Einladung einschreibt: Du bist Teil eines Ganzen, das du nicht hinterfragen musst, wenn du nur mitbringst, was ohnehin alle mitbringen. Sogar die Debatte über das richtige Glas und den falschen Strohhalm gehört dazu, wie Falstaff kürzlich nachwies, ein Disput, der die Runde macht wie einst die Frage nach dem richtigen Wein und der ebenfalls niemanden aus der Reihe treten lässt.
Man darf die Mechanik benennen, ohne sie zu verraten. Was wie Gemütlichkeit aussieht, ist eine Verdichtung von Erwartungen. Wer kommt, soll so kommen, wie man kommt. Wer etwas mitbringt, soll das Richtige mitbringen. Wer redet, soll das Richtige reden. Die Verhandlung findet nicht statt; sie wurde bereits geführt, in Werbespots, in Beilagen, in den Feeds, die einem im Juni erklären, dass der Sommer so aussieht und nicht anders. Die Individuen verschwinden nicht in dieser Gemütlichkeit; sie werden in ihr aufgelöst wie Zucker in einem Glas, das zu schnell umgerührt wurde.
Es gibt ein Wort dafür, und es ist älter als der Aperol: Entfremdung. Sie ereignet sich nicht am Fließband und nicht in der Fabrik, sie ereignet sich auf der Terrasse, im Gespräch über den richtigen Wein, im kollektiven Lachen über einen Witz, den niemand mehr lustig findet, der aber halt dazugehört. Der Mensch erkennt sich wieder, aber nicht in seinem Begehren, sondern in seiner Wiederholung. Er ist nicht mehr er selbst auf der Party; er ist die Party in ihm. Die Gastgeberin, die um halb acht noch den Salat richtet, die den Nachbarn mit der Schere an der Hecke beobachtet und prüft, ob er wirklich die teuren Servietten mitgebracht hat, ist nicht entspannt. Sie führt Buch, und das Buch führt sie.
Es wäre zu einfach, die Schuld allein bei den Herstellern zu suchen. Hersteller liefern, was verlangt wird. Das Verlangte aber wird nicht geboren; es wird gepflegt. Es wird gepflegt von einer Sprache, die sich nicht wehrt, von Einladungen, die nicht fragen, von Gesprächen, die nicht mehr anecken dürfen. Die Sommerfest-Kultur, so gemütlich sie sich gibt, ist eine Veranstaltung der Konformität, und ihre politische Sprengkraft liegt genau dort, wo sie sich am unauffälligsten zeigt: in der Wiederholung des immer Gleichen, im Verzicht auf das Abweichende, im stillen Einverständnis, dass Veränderung eine Störung wäre.
Wer im August das Thermometer sinken sieht und die Einladungen rarer werden, der spürt, was im Juli noch übertönt wurde: die Leere hinter der Fassade. Sie füllt sich nicht durch mehr Getränke und nicht durch besseres Wetter. Sie füllt sich, wenn überhaupt, durch den seltenen, den unbequemen Satz, durch den Gast, der etwas mitbringt, das nicht in die Reihe passt, durch den Wirt, der fragt, warum eigentlich schon wieder. So lange das nicht geschieht, bleibt der Juli das, was er ist: ein gut getarnter Sommermonat im Dienst eines Zyklus, der das Feiern am Laufen hält, damit niemand das Fragen anfängt.