Münchner Himmel, altes Filmmaterial, neues Geschäft
Es gibt Tage, an denen der Himmel über München tatsächlich dunkel wird. Es gibt andere Tage, an denen er nur so aussieht, weil jemand das Band zurückgespult hat. Heute, da das Thermometer fällt und die ersten Windböen über die Leopoldstraße fegen, erzähle ich von beiden Sorten — und davon, was dazwischen entsteht, wenn die Angst schneller ist als die Meteorologie.
Der Vorgang, soweit er sich derzeit prüfen lässt: Über soziale Netzwerke — namentlich die Kurzvideo-Plattform TikTok — verbreiten sich derzeit Aufnahmen, die einen schweren Sturm über München zeigen sollen. Wassermassen, umgerissene Bäume, verängstigte Menschen. Die Bilder sehen echt aus. Sie sehen echt aus, weil sie echt sind. Nur eben nicht von heute. Recherchen, die derzeit von mehreren Redaktionen und Faktenprüfern — unter anderem correctiv — angestellt werden, weisen darauf hin, dass es sich bei mindestens einem Teil der verbreiteten Clips um Archivmaterial handelt. Aufnahmen, die bereits vor Jahren entstanden, in anderen Kontexten, bei anderen Wetterlagen, möglicherweise an anderen Orten. Die Plattform selbst unterscheidet das nicht. Sie belohnt, was Aufmerksamkeit bindet.
Ich bin Wissenschaftsreporter. Ich habe dreißig Jahre lang Experimenten zugesehen, bis sie Anwendungen wurden, und Anwendungen, bis sie Waffen wurden. Ich notiere seit Jahrzehnten, wie dieselbe Mechanik funktioniert: Eine reale Bedingung — heute ein Sturm, morgen ein Erdbeben, übermorgen eine Seuche — wird zum Haken. An diesen Haken wird gehängt, was immer Aufmerksamkeit verspricht. Alte Bilder, fremde Bilder, manchmal auch gar keine Bilder, nur ein Windgeräusch und eine Stimme, die sagt: Schau.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass die Nachfrage nach Sichtbarem derzeit größer ist als das Angebot. Wer ein Video von einem umstürzenden Baum sucht, der ihn gestern Abend in Bogenhausen gesehen hat, wird auf der Plattform nicht fündig — also wird er mit etwas gefüttert, das ähnlich aussieht. Das ist keine Verschwörung. Das ist ein Mechanismus. Ein Algorithmus, der nichts kennt als Reichweite, kennt auch keine Quellenkunde. Er kennt nur Klicks.
Wer hat das bezahlt? Das ist die Frage, die ich in solchen Momenten stelle. Nicht weil ich an dunkle Kassen glaube, sondern weil Geld immer irgendwo fließt, wenn eine Welle entsteht. Wer finanziert die Profile, die solche Clips verbreiten? Sind es Privatpersonen, die mitten in der Nacht aufstehen und schneiden? Sind es Content-Farmen, die in Batch-Verfahren arbeiten? Ist es automatisierter Handel — Konten, die einmal erstellt, einmal befüllt, einmal abgeschaltet werden, sobald die Reichweite stimmt? Ich weiß es nicht. Ich notiere, dass ich es nicht weiß.
Was wurde nicht gemessen? Die Plattform selbst misst das Wetter nicht. Sie misst nur, wie lange jemand hinschaut. Und die Aufmerksamkeit, das darf man nicht vergessen, ist eine Währung. Wer sie bekommt, kann sie verkaufen — an Werbekunden, an politische Botschaften, an jeden, der ein Produkt oder ein Gefühl loswerden will. Der Sturm ist nur der Vorwand. Der Vorwand ist echt. Das Wetter tobt tatsächlich. Aber die Maschine, die darüber hinwegrollt, ist eine andere.
correctiv und andere Faktenprüfer arbeiten derzeit daran, die konkreten Clips zu identifizieren. Sie vergleichen Bildmotive mit Archivaufnahmen, sie befragen Meteorologen zu Windgeschwindigkeiten und Druckverläufen, sie prüfen, ob die gezeigten Schäden zur aktuellen Wetterlage passen. Diese Arbeit ist langsam. Die Reichweite ist schnell. Das ist die alte Asymmetrie, die mir seit dreißig Jahren auf die Nerven geht.
Ich sage nicht, dass die Profile lügen. Ich sage, dass die Bilder nicht zeigen, was sie zu zeigen vorgeben. Das ist ein Unterschied, den man kennen muss. Ein Unterschied zwischen einer Lüge und einem Echo. Das Echo lügt nicht. Es wiederholt nur — was gerade im Raum ist.
Meine Pfeife ist kalt. Die Labore mögen das. Mir ist heute ohnehin mehr nach Beobachten als nach Rauchen. Beobachten ist die billigste Methode, und sie hat den Vorteil, dass man dabei nicht ins Mikrofon hustet.
Was bleibt? Ein Himmel über München, der heute wirklich grau ist. Ein Algorithmus, dem das egal ist. Und eine Öffentlichkeit, die gerade lernt — wieder einmal, diesmal nur digital — dass ein Beweis und ein Beweis-Für-Etwas nicht dasselbe sind.
Ob der Sturm, der morgen über die Stadt zieht, echt sein wird oder nur sein altes Bild — das werden wir erst wissen, wenn die Meteorologen sprechen und nicht die Bildschirme. Die Frage, die ich Ihnen, liebe Leser, mitgebe, ist älter als jedes Netzwerk: Wem glauben Sie, wenn der Himmel dunkel wird — dem, der es gemessen hat, oder dem, der es zeigt?