Die brennende Antenne und das Feuer im Kopf
Es gibt Bilder, die brennen schneller als das, was sie zeigen. Ein Video aus Indien kursiert dieser Tage durch die sozialen Netzwerke, und Millionen sehen darin etwas, das es nicht ist. Ein Sendemast steht in Flammen, schwarzer Rauch steigt gegen einen diesigen Himmel, und die Erzählung, die sich darum rankt, hat mit dem eigentlichen Brand so viel zu tun wie ein Sturm mit dem Kompass: beide zeigen in eine Richtung, aber nur einer sagt, wo Norden liegt.
Was man sieht: ein Sendemast in Indien, der brennt. Was man liest, in Dutzenden Beiträgen, geteilt mit dem Eifer von Menschen, die endlich eine Erklärung haben für etwas, das sie schon immer ahnten: Dieser Mast soll ein 5G-Mast sein, sein Untergang ein Menetekel, ein Beweis, ein Anfang vom Ende. Nur stimmt es nicht. Die Faktenchecker von Correctiv haben die Fäden entwirrt, und was bleibt, ist weniger spektakulär, aber lehrreicher. Der Mast, der in dem Video brennt, ist kein 5G-Sendemast. Er hat mit der fünften Mobilfunkgeneration nichts zu tun, und er hat auch nicht das getan, was ihm in der viralen Version angedichtet wird: Er hat niemanden krank gemacht, er hat keine Strahlung freigesetzt, die ein Dorf hätte verstören können, er war schlicht ein Stück Infrastruktur, das Feuer fing, wie Infrastruktur manchmal Feuer fängt.
Es lohnt sich, einen Moment bei dieser Korrektur zu verweilen, denn sie ist mehr als ein Korrekturvorgang. Sie ist ein Lehrstück über die Architektur moderner Desinformation. Ein Bild, das aufgenommen wurde, irgendwo, irgendwann, wird aus seinem Zusammenhang gerissen, in eine neue Erzählung eingespannt, mit einer Überschrift versehen, die seine Herkunft vergessen macht, und dann auf die Reise geschickt. Es landet in Timelines, es wird geteilt, kommentiert, geglaubt. Der Mechanismus ist alt, so alt wie die Panik selbst, aber seine Geschwindigkeit ist neu. Was früher Wochen brauchte, um von Mund zu Mund zu wandern, schafft ein Algorithmus in Stunden. Die Faktenchecker, in diesem Fall Correctiv, kommen hinterher, sie kommen immer hinterher, und ihre Stimme, so wichtig sie ist, trägt gegen den Lärm der Falschmeldung nur dann an, wenn ihr Gehör geschenkt wird.
Man darf das nicht als naiven Fehler derjenigen abtun, die das Video teilen. Es ist bequemer, es als Naivität zu lesen, weil man dann selbst auf der Seite der Klugen steht. Aber der Mechanismus ist raffinierter. Er setzt auf ein Gefühl, das viele teilen, bevor sie das erste Bild sehen: das Gefühl, dass die offiziellen Erzählungen lügen, dass hinter der sichtbaren Welt eine andere, dunklere wahrgenommen wird, und dass nur der eigene Verdacht den wahren Zusammenhang offenbart. In diese Bereitschaft fällt das brennende Video wie ein Stein in Wasser, der Kreise zieht, die sich nicht mehr beruhigen.
Der Hintergrund ist bekannt und muss hier nicht erfunden werden. Seit dem Aufbau der 5G-Netze geistern Behauptungen durch das Netz, die Mobilfunktechnologie sei gesundheitsschädlich, sie verursache Krebs, sie schwäche das Immunsystem, sie sei Teil eines größeren Planes. Experten, von der Weltgesundheitsorganisation bis zu nationalen Strahlenschutzbehörden, haben diese Behauptungen geprüft und verworfen. Die elektromagnetischen Felder, die von 5G-Sendeanlagen ausgehen, liegen nachweislich weit unter den Grenzwerten, die zum Schutz der Gesundheit festgelegt wurden. Es gibt, das sei hier in der Klarheit eines Fact-Checks gesagt, keinen seriösen wissenschaftlichen Beleg für die behaupteten Schäden. Correctiv formuliert es in seiner Überprüfung unmissverständlich: Das Video zeigt keinen 5G-Masten, und die Verknüpfung mit gesundheitlichen Schäden entbehrt jeder Grundlage.
Was bleibt, ist also weniger als ein Skandal, aber mehr als ein Missverständnis. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Falschinformationen entstehen, wie sie sich verbreiten, und warum die Widerlegung, so korrekt sie sein mag, selten den gleichen Weg nimmt wie die Lüge. Die Lüge ist schneller, einfacher, sie passt zu dem, was man ohnehin glauben möchte. Die Wahrheit kommt nach, sie muss erklären, sie muss belegen, sie muss geduldig sein. Geduld aber ist eine Tugend, die in aufgeregten Zeiten wenig gilt.
Am Ende brennt in dem Video ein Sendemast in Indien. Das ist die Tatsache. Die Flammen sind echt, der Rauch ist echt, die Zerstörung ist echt. Alles andere, was darum herum erzählt wird, ist Konstruktion, ist Projektion, ist das Feuer im Kopf, das nie auf den Mast gewartet hat, um zu entstehen.