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IMPFUNG ALS FEINDBILD: Wie ein Blog aus drei Studien ein Urteil bastelt

4. August 2026 — — — Prof. Kessler

Ende Mai 2026. Der österreichische Blog TKP veröffentlicht einen Beitrag mit dem Titel „Massenimpfung von Kleinkindern gegen Grippe völlig wirkungslos – Studie". Die These: Die Influenza-Impfung bei Kleinkindern schade mehr als sie nütze. Drei Belege werden angeführt, drei Studien zitiert, ein einziges Urteil gefällt. Was am Ende herauskommt, ist kein Befund. Es ist ein Tribunal ohne Verteidiger.

Die Sache beginnt, wo solche Geschichten meistens beginnen – mit einer ausländischen Studie und einer kühnen Behauptung. Ein spanisches Impfprogramm, so TKP, habe nicht zu weniger Grippefällen geführt. Weder in Hausarztpraxen noch in Krankenhäusern. Klingt nach einem Schuldspruch. Ist es aber nicht. Die Autorinnen der spanischen Studie selbst erwägen mehrere Gründe, warum das erhoffte Ergebnis ausblieb. Einer davon: Die Impfquote war zu niedrig. Eine Impfung, die ihr Ziel nicht erreicht, kann nicht wirken. Das ist kein Argument gegen den Impfstoff, sondern gegen die Reichweite des Programms. Wer ein Programm bewertet, misst am Ende Organisation, nicht Biologie.

Studie zwei kommt aus den USA, genauer aus der Cleveland Clinic. TKP übernimmt sie aus dem Blog des Epidemiologen Nicolas Hulscher, der für die McCullough Foundation schreibt – eine private US-Stiftung, deren Vertreter nachweislich wiederholt Falschinformationen über Impfstoffe verbreitet haben. Hulschers Lesart: Geimpfte hätten ein um 27 Prozent erhöhtes Risiko, an Grippe zu erkranken. Auf Nachfrage von CORRECTIV weist einer der Studienautoren diese Interpretation zurück. Das Ergebnis zeige lediglich, dass die Impfung in einem bestimmten Zeitraum möglicherweise nicht den Schutz geboten habe, den man erwartet hätte. Kein Beleg für generelle Wirkungslosigkeit, sondern ein Hinweis auf die jahreszeitlichen Schwankungen, denen jede Influenzaschutzimpfung unterliegt. Wer einer Studie Prozente entlocken will, muss den Kontext mitliefern. Ohne ihn wird Statistik zu Schmuggelware.

Das dritte Argument hört auf den Namen Fieberkrämpfe. TKP verweist auf Daten der US-Arzneimittelbehörde FDA und suggeriert, die Grippeimpfung erhöhe das Risiko – und das sei eine ernste Nebenwirkung. Verschwiegen wird: Es handelt sich um wenige Fälle pro einer Million verabreichter Impfungen. Fachinstitutionen stufen Fieberkrämpfe nach Impfungen als harmlos ein. Was ebenfalls unter den Tisch fällt: Auch eine echte Influenzainfektion kann Fieberkrämpfe auslösen, mit höherer Wahrscheinlichkeit als die Impfung selbst. Eine Nebenwirkung, die seltener auftritt als die Komplikation der Erkrankung, die sie verhindern soll, ist das genaue Gegenteil einer Gefahr.

Die Bewertung von CORRECTIV fällt entsprechend aus: „Größtenteils falsch". Das heißt nicht, dass jede Einzelstudie bedeutungslos wäre. Negative Befunde gehören zur Wissenschaft. Sie gehören sogar besonders laut dazu, weil sie das Selbstverständnis der Forschung stören. Aber ein negativer Befund ist eine Frage, kein Urteil. Wer aus drei Studien mit unterschiedlichen Methoden, unterschiedlichen Kontexten und unterschiedlicher Reichweite ein einziges „wirkungslos" herauspresst, hat keine Studie gelesen. Er hat eine Anklageschrift geschrieben.

Es passt ins Bild, dass TKP sich nicht zum ersten Mal an Impfthemen versucht. Während der Covid-19-Pandemie, schreibt CORRECTIV, habe der Blog mehrfach falsche und irreführende Informationen veröffentlicht, die anschließend über Soziale Netzwerke weitergetragen wurden. Auch der aktuelle Text wurde von anderen aufgegriffen. Eine schmale Behauptung, getragen von einer schmalen Quelle, multipliziert durch Wiederholung – so entsteht Misstrauen, auch wenn es nie eine solide Grundlage hatte.

Was mich als Chronist skeptisch macht, ist nicht die Skepsis selbst, sondern ihre Verpackung. Das Ratgeberportal kinderaerzte-im-netz.at formuliert es für Eltern, ganz nüchtern: Die Influenzaimpfung wirkt gegen Influenza, nicht gegen „grippale Infekte" – jene Sammeldiagnose, mit der im Winter Husten, Schnupfen und leichtes Fieber gemeint sind. Wer diese Differenzierung nicht beachtet, kann jede Saison neu behaupten, die Impfung habe versagt. Denn irgendwer ist immer erkältet.

Was bleibt? Drei Studien, die jede etwas anderes sagen als das, was TKP aus ihnen liest. Ein Blog, der seine Leser mit einem Urteil allein lässt, das die Wissenschaft selbst nie gefällt hat. Und ein Faktencheck, der das Urteil korrigiert – in der Hoffnung, dass die Korrektur schneller liest als die Behauptung. Wissen Sie, frage ich mich zum Schluss, wie viele Eltern den Unterschied zwischen Influenza und einem grippalen Infekt wirklich kennen, wenn der nächste Winter vor der Tür steht?

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