Elf Milliarden für ein Gespenst
In den Salons von Manhattan, wo die Art-Déco-Lampen noch immer so brennen wie 1937, erzählt man sich dieser Tage eine Zahl, die durch die sozialen Netzwerke geistert wie ein Gerücht durch ein Hotel in Genf — hunderttausendfach aufgerufen, millionenfach geglaubt, und doch aus einer Zeit, die der Angeklagte niemals betreten hat. Elf Milliarden Dollar, so heißt es, habe die Stadt New York verloren, seit Zohran Mamdani im November 2025 das Bürgermeisteramt übernahm. Die Abwanderung der Millionäre, ursächlich. Das Urteil, gesprochen, bevor das Urteil rechtens sein konnte.
Mamdani, vierunddreißig Jahre alt, erster Muslim in diesem Amt, jüngster Bürgermeister der Stadt seit einem Jahrhundert, ein Demokratischer Sozialist, der höhere Steuern für Wohlhabende fordert — Gegner warfen ihm schon vor der Wahl das Etikett des Kommunisten an, und Andrew Cuomo, sein unterlegener Rivale, durfte sich als Verteidiger des besitzenden Bürgertums aufspielen. Merryl Tisch, eine der reichsten Frauen des Landes, spendete mit ihrer Familie für Cuomo. So viel zur Geographie der Spenden.
Nun also, im Juli 2026, die Zahl. Elf Milliarden Steuerausfall in einem Jahr. Verbreitet auf X, hunderttausende Aufrufe, der Tenor eindeutig: Siehst du, was passiert, wenn man den Sozialisten lässt. Die konservative New York Post griff die Geschichte auf, die Bild sowieso, und überall dort, wo man mit dem Finger auf den Schuldigen zeigt, schlug die Empörung ihre Knospen auf.
Doch die Zahl ist ein Gespenst. Sie gehört nicht in dieses Jahr, nicht in diese Amtszeit, nicht einmal in diese Stadt — strenggenommen. Sie stammt aus einer Studie der Citizen Budget Commission, veröffentlicht am 13. Juli 2026, und sie beschreibt den Bundesstaat New York im Jahr 2022. Damals saß Eric Adams im Rathaus, und Mamdani arbeitete noch daran, überhaupt gewählt zu werden. CORRECTIV hat das in einem Faktencheck vom 27. Juli 2026 seziert; das Ergebnis trägt das Prädikat Falsch, und zwar jenes Falsch, das keine Verhandlungen duldet.
Die Citizen Budget Commission gibt sich überparteilich. Die Führung der Organisation allerdings ist mit vielen Personen besetzt, die in der New Yorker Finanzbranche tätig sind — also gegebenenfalls von höheren Steuern für Wohlhabende betroffen wären. Man veröffentlicht Zahlen, und man möchte die Debatte versachlichen. Welche Deutung sich daraus ergibt, mag jede Leserin selbst entscheiden.
Die eigentliche Bewegung, die die Studie dokumentiert, ist älter und unerbittlicher. Zwischen 2010 und 2022 sank der Anteil New Yorks an allen US-Millionären von 12,7 auf 8,7 Prozent. Das ist ein langfristiger Trend, der mit Mamdani so wenig zu tun hat wie die Flut von 1938 mit der Person des damaligen Bürgermeisters. Es ist eine tektonische Verschiebung des Kapitals, getrieben von Steuern, Lebenshaltungskosten, Fernarbeit und dem ganz banalen Wunsch mancher Vermögender, nicht mehr in der Wohnung neben der nächsten U-Bahn-Station zu leben.
Dass die Zahl trotzdem so brauchbar ist im politischen Tageskampf, sagt weniger über Mamdani als über das Zeitalter. Man nehme eine Studie, kürze sie um ihren Kontext, klebe ein aktuelles Gesicht darauf, und schon hat man die nächste Infografik, die innerhalb von Stunden millionenfach geteilt wird. Die bekannte Mechanik der Empörung, deren Architektur älter ist als jedes Büro in Midtown.
Was bleibt, ist die Zahl selbst. Elf Milliarden. Sie steht jetzt in der Welt, befreit von jeder Zeitangabe, jedem Bundesstaat, jedem Autor. Sie wird weiter zitiert werden, in Talkshows und Wahlkampfreden, in den Kommentarspalten und vielleicht in einem Wahlkampfspot des Bundesstaates. Sie wird älter werden, ohne älter zu werden — eine ewige Gegenwart, die niemals stattgefunden hat.
Mamdani verteidigt seine Steuerpläne, gegen die Bedenken, gegen die Zahlen, gegen die Geister. Die Weltwoche zitiert ihn dabei, der Standard zieht eine erste Bilanz seines ersten Amtsjahres, die WELT sieht in ihm einen möglichen Gegenspieler Trumps. So oder so: Die Stadt wird weiterregiert, die Millionäre werden weiterdebattiert, und die elf Milliarden werden weiter durch die Räume geistern, in denen Männer lächeln, während sie lügen.
Vera Kastner trägt Handschuhe beim Schreiben. Auch jetzt.