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Konsens im Fieber

4. August 2026 — — — Prof. Kessler

1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.

Es gibt Szenen, die wie unter einer Sammellinse stattfinden. Zwei Menschen, ein Kameraschwarm, ein Thema, das jede Sendezeit sprengt. Am vergangenen Sonntag saßen in CNNs „State of the Union" der Gesundheitsminister der Vereinigten Staaten, Robert F. Kennedy Jr., und die Moderatorin Dana Bash einander gegenüber. Was folgte, war weniger ein Streit als eine öffentliche Obduktion des wissenschaftlichen Diskurses selbst — und seines gegenwärtigen Zustands.

„You were part of the problem." Kennedys Vorwurf stand im Raum, bevor die Kameras vollständig eingerichtet waren. „Absolute press malpractice." Ein Journalist, der die Mächtigen nicht hinreichend herausgefordert habe. Eine Moderatorin, die nicht beharrlich genug nachgefragt habe. Beide, so der Vorwurf, hätten das Ihre getan, um eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen und die Zweifler zu marginalisieren. Die Anklage zielte auf ein journalistisches Selbstverständnis, das einst die vierte Gewalt trug: Skepsis gegen jede Autorität, komme sie aus dem Weißen Haus oder aus dem Direktorium der Gesundheitsbehörden.

Bash konterte mit Zahlen. Sie zitierte eine Schätzung von Forschern der CDC und der Harvard-Universität aus dem Jahr 2023, denen zufolge die COVID-19-Impfung in den Vereinigten Staaten mindestens 232.000 Todesfälle unter ungeimpften Erwachsenen verhindert haben könnte. „The COVID vaccine worked", sagte Bash. „The COVID vaccine prevented deaths. There is data, upon data, upon data."

Kennedy forderte daraufhin eine einzelne Studie, die beweise, dass die Impfung auch bei Kindern wirksam gewesen sei. Bash verwies auf Forschung, die 100.000 bis 200.000 zusätzliche Todesfälle in den Vereinigten Staaten auf Fehlinformationen über Impfstoffe zurückführt. Kennedy nannte das „nonsense". Ein Wort, das in einem Labor niemand sagen würde, weil es nichts erklärt. Es ist das Vokabular der Empörung, nicht der Evidenz.

Dann der Themenwechsel. Masern. Bash versuchte, Kennedy auf den Ausbruch im Land anzusprechen. Kennedy erwiderte, dies sei ein „international outbreak" und die Vereinigten Staaten kämen damit besser zurecht als jedes andere Land der Welt. Er führte den Ausbruch auf die Folgen der COVID-19-Pandemie zurück und auf eine Bevölkerungsgruppe, die aus religiösen Gründen die Impfung verweigere. Bash forderte ihn auf, die „bully pulpit" zu nutzen, um Eltern aufzufordern, ihre Kinder impfen zu lassen. Der Satz hing in der Luft.

Was hier geschieht, ist nicht das Versagen eines einzelnen Senders oder eines einzelnen Ministers. Es ist die Sichtbarmachung einer Struktur. Die wissenschaftliche Kommunikation hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Die CDC, einst eine Autorität, deren Verlautbarungen ohne Widerspruch übernommen wurden, wird heute in Echtzeit zerlegt. Anthony Fauci, der ehemalige Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, musste sich vor einem Senatsausschuss wiederholt auf den Fünften Verfassungszusatz berufen — ein Vorgang, der in der Geschichte der amerikanischen öffentlichen Gesundheit ohne Beispiel ist. Die Labore, die ich kenne, schweigen dazu. Sie arbeiten. Sie veröffentlichen. Sie werden überhört.

Die Ironie dieser Sendung liegt in der Verdoppelung. Kennedy, dessen Familie den öffentlichen Diskurs über Wissenschaft und Politik seit Jahrzehnten prägt, hat selbst zur Polarisierung beigetragen. Er sprach von „constitutional rights", die in der Pandemie unterdrückt worden seien. Er sprach von der Pflicht des Journalisten zum „fierce skepticism toward authority". Beides sind alte Tugenden. Beide sind in einer Zeit, in der die Autorität selbst zu zerfasern beginnt, gefährliche Werkzeuge in den Händen von Politikern, die Institutionen aushöhlen, während sie sich auf sie berufen. Der Skeptiker von gestern ist der Lautsprecher von heute — und die Empfänger sind nicht mehr das Publikum, sondern die Kameras.

Bash versuchte den Pfad zurück zur Sache. „Do you want to sit here and attack me, or do you want to have conversations?" Es war die Frage der Woche. Es war auch die Frage, die in jedem Labor gestellt wird, wenn ein Kollege lieber die Hypothese angreift als die Daten. So bleibt eine Sendung, die als diagnostisches Instrument hätte dienen können, als Beleg für einen Diskurs, der sich selbst nicht mehr hört.

Ich habe dreißig Jahre lang Pipen geraucht und Experimente beobachtet. Die Wissenschaft lebt davon, dass jemand die Daten in Frage stellt. Aber die Daten müssen vorhanden sein. Hier standen sich zwei Versionen gegenüber — eine, die Zahlen vorlegte, und eine, die das Fehlen einer einzigen konkreten Studie als Argument benutzte. Was bleibt, wenn die Kameras aus sind, die Chyrons verschwinden und der Konsens sich als brüchig erweist — und wer übernimmt dann die Verantwortung, zwischen Behauptung und Beleg zu unterscheiden?

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