Einundzwanzig — die Mathematik der Notwendigkeit
Brüssel hat sich geeinigt. So heißt es jedenfalls, wenn in Brüssel Einigungen verkündet werden, die niemand ganz überblickt. Das einundzwanzigste Sanktionspaket gegen Russland — man zählt mittlerweile mit, wie man Champagnerjahre zählt — ist geschnürt. Die Außenministerinnen, die Botschafter, die Räte der Ständigen Vertreter: Sie haben, wie man uns versichert, dem Druck der Verhältnisse nachgegeben und der Notwendigkeit gehuldigt. Notwendigkeit ist ein großes Wort in diesen Hallen. Es steht auf jedem Dokument, das niemand zu öffnen wagt, und auf jeder Lippe, die etwas sagen muss, ohne etwas zu sagen.
Wir erinnern uns: Das letzte Paket scheiterte am Einspruch mehrerer Mitgliedstaaten. Einzelne Namen werden nicht genannt. So bleibt es in Brüssel — wer widerspricht, verschwindet im Plural. Diesmal nun also Einigung. Die Maschine läuft weiter, sie läuft, weil sie laufen muss, sagen die einen; sie läuft, weil sie nicht stehen darf, sagen die anderen. Beides ist wahr, und beides sagt nichts.
Notwendig war auch, so erfuhren wir am selben Tag, der Wechsel an der Spitze der ukrainischen Regierung. Ein neuer Ministerpräsident — der ehemalige Verteidigungsminister, ein Mann, der den Generalstab nach seiner Absetzung durch Präsident Selenskyj scharf kritisierte. Man stelle sich das vor: ein Kritiker, der befördert wird. In den Kabinetten der Welt ist das keine Ironie, sondern Architektur. Wer die Stühle umstellt, hat den Tisch bereits vermessen.
Währenddessen, in einer parallelen Sitzung in Washington, öffnete der Internationale Währungsfonds der Ukraine weitere 690 Millionen Dollar. Umgerechnet 604 Millionen Euro, schreibt man uns, damit die Zahl auch in unseren Breiten schmerzt und sich in den Bilanzen unserer Banken wiederfindet. Damit belaufen sich die Auszahlungen seit Jahresbeginn auf 2,2 Milliarden Dollar, Teil eines Vierjahresprogramms über insgesamt 8,1 Milliarden. Gegenleistung: Strukturreformen, die der IWF „im Großen und Ganzen zufriedenstellend" bewertete. Das ist die Sprache jener, die zwischen den Zeilen nicht schreiben dürfen, was sie meinen. „Bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit", sagte IWF-Chefin Kristalina Georgieva, und verlangte „umsichtige Finanzpolitik" sowie Schritte zur Stärkung des Finanzsektors. Man verbeugt sich vor dem Patienten, der noch atmet, und misst ihm gleichzeitig den Puls, den man zu nehmen beauftragt wurde.
Selenskyj sprach derweil mit den US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner. „Fruchtbar und wichtig", nannte er das Gespräch. „Frieden ist notwendig — ein Frieden in Würde." Notwendig. Immer wieder dieses Wort. Es ist das Mantra der Stunde, der Schutzschild jedes Redners, der weiß, dass er über etwas reden muss, das er nicht ändern kann. Selenskyj schrieb weiter, die Ukraine sei „schon seit langem dazu bereit". Bereit zu was? Man erfährt es nicht. Die Teams beider Länder stünden „weiterhin in engem Kontakt" — der engste Kontakt, den man haben kann, ohne sich zu berühren.
In derselben Nacht, als die Tinte unter den Kommuniqués trocknete, griff Russland die ukrainische Hauptstadt mit ballistischen Raketen an. Dutzende Explosionen, im Zentrum einer Dreimillionenstadt. Der Zivilschutz sprach am Morgen von einem Ausmaß, das die üblichen Worte nicht mehr fassen. Was in den Stunden zwischen einer Sanktionsmeldung und einer Hilfszahlung an Menschen geschieht, fällt durch keine Pressekonferenz.
Brüssel zählt Pakete. Washington überweist Milliarden. Kiew brennt. Drei Sätze, drei Wahrheiten, und zwischen ihnen klafft ein Abgrund, in dem die Worte „Notwendigkeit" und „Solidarität" wie Möbelstücke stehen, die niemand mehr umstellt. Was bleibt, ist die Frage, die in keinem Pressetext steht: Wessen Notwendigkeit? Wessen Solidarität? Wessen Frieden in Würde — und zu welchem Preis?
Die Männer, die ich in Genf Verträge unterschreiben sah, lächelten ebenfalls. Sie lächelten, während die Kameras klickten. Sie lächelten, wenn die Klauseln längst tot waren, und wenn die Verhandlungspartner längst andere Verhandlungspartner hatten. Ich habe gelernt, dass ein Lächeln in der Diplomatie nie ein Versprechen ist, sondern eine Übung in Verschiebung. Was heute Notwendigkeit heißt, heißt morgen Gewohnheit, und übermorgen — so zeigt es die Geschichte — Rechnung. Man legt Pakete auf Pakete, bis niemand mehr zählt, und irgendwann trägt jeder seinen Teil, ohne zu fragen, wohin die Reise geht.
Die Rechnung, das wissen wir, kommt immer. Sie kommt nur selten an jene, die sie aufmachen.