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Der Dialog und seine Stifter: St. Gallen strukturiert die Sichtbarkeit

5. August 2026 — — — Kastner

St. Gallen hat einen neuen Gast im Rathaus. Er heißt „Barrieren-Dialog", er kommt aus Luzern, und er wird, so die Mitteilung des Hauses CORRECTIV vom fünften August dieses Jahres, „strukturell verstetigt". Wer das Wort auch nur einmal über die Lippen bringt, ahnt bereits, was es meint: nicht Abbau, sondern Verwaltung. Eine schöne Vokabel, „verstetigen" — sie klingt nach Dauer, nach Verankerung, nach einem Pflock, der in den Boden getrieben wird, damit nichts mehr verrutsche. Nur: Wer treibt ihn ein, und in wessen Boden?

Die Frage ist angebracht, weil das Projekt, wie es sich darstellt, aus einer einzigen Quelle sprudelt. CORRECTIV.Schweiz teilt mit, der „Barrieren-Dialog" baue auf dem „erfolgreichen Pilotprojekt" „Achtung Barriere!" auf, einem Gemeinschaftswerk mit der Hochschule Luzern. In Luzern, so erinnert sich das Haus, seien „unsichtbare Barrieren sichtbar gemacht und in den öffentlichen Dialog eingebracht" worden. Das klingt feierlich. Es klingt auch nach einer Methode, die sich bewährt hat — bewährt, wozu genau? Das wird nicht gesagt. Die einzige Stimme, die den Erfolg attestiert, ist die des Erklärers selbst.

In St. Gallen nun soll dieselbe Architektur in „fünf Schritten" begehen, was sie in Luzern begangen hat: beteiligen, verdichten, vermitteln, dialogisieren, verankern. Eine saubere Treppe, jede Stufe nummeriert, jede Stufe mit einem Verb der Mitte ausgestattet. Beteiligung „ermöglichen" — auf einer „barrierefrei ausgebauten Datenplattform" namens CrowdNewsroom, flankiert von Pop-ups und begleiteten Spaziergängen. Verdichten und priorisieren — Einzelfälle werden typologisiert, kontextualisiert, „räumlich verortet". Vermitteln — über interaktive Karten, mobile Anwendungen, „immersive Mixed-Reality-Szenarien". Dialog und Ko-Kreation — moderiert, gemeinsam, mit Betroffenen, Organisationen, Fachstellen, Verwaltung, Politik. Verankern und übertragen — in einem „lebendigen Bericht" mit Prioritäten, Zuständigkeiten, „Begründungslogik". So steht es schwarz auf weiß in der Mitteilung.

Es ist eine Komposition, wie man sie aus dem Verwaltungsjargon kennt: jeder Schritt plausibel, jeder Schritt zustimmungsfähig, jeder Schritt kaum anfechtbar. Man kann gegen keinen protestieren, ohne sich gegen Beteiligung zu stellen. Das ist die eigentliche Architektur. Sie ist nicht neu.

Wer hinter ihr steht, ist immerhin mit Namen genannt. Da ist die Gebert Ruef Stiftung. Da ist die Stadt St. Gallen selbst, also die Verwaltung, die zugleich Gegenstand und Trägerin des Vorhabens ist. Da ist das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, EBGB, eine Bundesstelle, deren Aufgabe es ist, Gleichstellung zu fördern — und die nun, so darf man annehmen, in einem städtischen Verfahren mitwirkt, das Gleichstellung in „Muster" und „priorisierbare Handlungsfelder" übersetzt. Da ist die Stiftung zur Förderung des behindertengerechten Bauens, deren Name sein Programm ist. Da ist der Kanton. Da ist die Hochschule Luzern, die das Wissen liefert. Da ist beko ost, eine ostschweizerische Beratungsstelle. Sie alle sitzen mit am Tisch, der in der Mitteilung nicht gemalt wird.

Die Frage ist nicht, ob diese Akteure redlich sind. Sie sind es vermutlich. Die Frage ist, nach welchem Mechanismus ein Verfahren, das von einer Mitteilung einer einzigen Quelle angekündigt wird, jene „Strukturverstetigung" erfährt, die es sich selbst attestiert. Die Frage ist auch, wer die Mittel kontrolliert, wer die Muster definiert, wer bestimmt, was eine „priorisierbare" Barriere ist und welche nicht. Die Mitteilung spricht von „Begründungslogik". Das ist ein Wort, das in der Verwaltung Vertrauen voraussetzt. Vertrauen ist eine Vorleistung.

Auffällig ist, was die Mitteilung nicht sagt. Sie sagt nicht, wie viele Menschen bisher in Luzern teilgenommen haben. Sie sagt nicht, welche Barrieren konkret abgebaut wurden. Sie sagt nicht, wie der „lebendige Bericht" kontrolliert wird, wer ihn liest, wer ihn umschreibt. Sie sagt nicht, was geschieht, wenn die Verwaltung die priorisierten Handlungsfelder ignoriert. Die Erfahrung lehrt: kein Dialogformat hat je ein Schweigen gebrochen, das nicht brechen wollte. Aber das ist eine Meinung. Eine andere lässt sich aus der Quelle, die hier vorliegt, nicht gewinnen.

St. Gallen übt sich. Die Übung heißt Dialog. Die Übung wird verstetigt. Was am Ende abgebaut wird — Barrieren, Hemmschwellen oder Verantwortung —, wird der „lebendige Bericht" zeigen. Oder nicht zeigen. Die Formulierung lässt beides zu. Das ist die Tugend solcher Sätze: sie halten jedem Wetter stand. Sie tragen Handschuhe. Auch beim Schreiben.

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