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Corax warnt vor Zermürbung – und liefert keinen Plan dagegen

5. August 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die klingen, als hätten sie sich selbst schon besiegt. „Die AfD will uns zermürben. Das lassen wir nicht zu" – eine solche Feststellung, getroffen vom freien Radiosender Corax in Halle, ist ein Schachzug, der das Brett eröffnet, ohne einen Bauern zu rühren. Was genau benannt wird, bleibt unbestimmt; was getan werden soll, bleibt ungesagt.

In der zweiten Augustwoche des Jahres, nach dem Willen der KW 31, veröffentlichte der Sender Corax, betrieben von einem Trägerverein mit über vierhundert ehrenamtlichen Mitgliedern, eine programmatische Nachlese. Darin enthalten: die Warnung vor einer Zermürbungstaktik der AfD, formuliert als pauschale Behauptung, und jener Satz, der das Ganze rahmen soll. „Das lassen wir nicht zu."

Es ist ein Satz, der vieles verspricht und wenig verrät. Wer lässt was nicht zu? Wie? Wann? Mit welchen Mitteln, welchen institutionellen Hebeln, welcher Solidarität jenseits der eigenen Sendeanlage? Die rhetorische Geste ist klar – sie markiert eine Grenze, zieht eine Linie, an der man künftig stehen will. Doch die Frage, die ein Bericht stellen muss, ist jene nach der Mechanik: Welche Mechanismen stehen einem freien Radiosender überhaupt zur Verfügung, der sich gegen eine landtagsfähige Partei behaupten will, die in Sachsen-Anhalt über parlamentarische Mittel verfügt?

Dass die AfD Sachsen-Anhalt ein Verhältnis zu Radio Corax hat, das nicht von Wohlwollen geprägt ist, lässt sich an anderer Stelle nachlesen. Das Transit Magazin beschrieb Ende März dieses Jahres den Sender als Plattform für die Zivilgesellschaft in Halle, positioniert gegen Menschenfeindlichkeit und völkische Ideologie. Die taz wiederum berichtete im März, die AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt habe versucht, die Mittel für das Freie Radio zu kürzen – mit Verweis auf angeblichen „Genderismus" und unliebsame politische Ausrichtung. Das sind Tatsachen, die einen Kontext zeichnen: einer Partei, die über den Hebel der Haushaltspolitik verfügt, steht ein Sender gegenüber, dessen Finanzierung eben aus diesem Haushalt fließt.

In dieses Bild fügt sich die jüngste Warnung ein – und doch bleibt sie eigentümlich unkonkret. „Zermürbung" ist ein Wort, das lange Schatten wirft. Es meint systematische Schwächung, das langsame Aufzehren von Ressourcen, Geduld und Legitimität. Es meint, je nach Interpretation, mediale Delegitimierung, die Streichung von Geldern, öffentliche Anfeindung. Welche dieser Formen Corax meint, welche Erfahrungen in die Wortwahl eingeflossen sind, welche Drohungen, Anfragen oder Proteste konkret stattgefunden haben – all das teilt die Erklärung nicht mit.

Eine Warnung, die das Warnpotenzial benennt, aber keine Handlungsstrategie liefert, bleibt eine Selbstvergewisserung im Raum des Symbolischen. Das ist kein Vorwurf an die Verfasser; es ist eine Beobachtung zum dokumentierten Stand. Was der Sender angekündigt hat, ist eine Haltung. Was fehlt, ist die Übersetzung in messbare Schritte. Juristische Mittel gegen welche Übergriffe? Öffentlichkeitsarbeit mit welchen Adressaten? Solidarisierungen mit welchen Verbündeten? Ein Spendenaufruf mit welchem Volumen? Eine Klage gegen welche Kürzungsanträge? Die Aufzählung ließe sich verlängern; die Erklärung tut es nicht.

Die Diskrepanz zwischen dem benannten Feindbild und der ungenannten Reaktion lässt sich auch anders lesen: als Eingeständnis, dass die Werkzeuge begrenzt sind. Wer „nicht zulassen" sagt, ohne zu sagen, wie, markiert vielleicht weniger eine eigene Stärke als die Begrenztheit der eigenen Hebel. Ein freier Radiosender, dessen Sendezeit durch eine Landesmedienanstalt vergeben wird, dessen Förderung über demokratisch legitimierte Gremien läuft, dessen publizistische Wirkung auf Reichweite und Reputation beruht – dieser Sender hat keine institutionelle Macht, die einer Parlamentsfraktion Paroli bieten könnte. Ihm bleiben die Stimme, die Geste, die Positionierung.

Was an der Erklärung journalistisch verlangt werden muss, ist nicht Spekulation, sondern Nachfrage. Welche konkreten Anlässe haben zu der Formulierung geführt? Welche AfD-Stimmen, welche Anträge, welche Aussagen sind gemeint? Wer wurde wann wie zermürbt? Die vorliegende Mitteilung, die sich über den Aggregator rivva.de verfolgen lässt, trägt das Datum der KW 31, des Sommers 2026. Sie ist ein Signal, keine Analyse. Sie ist eine Position, keine Strategie.

Vielleicht wird Corax nachliefern. Vielleicht bleibt es bei der Geste. Bis dahin ist festzuhalten: Eine Warnung vor der Zermürbung, die nicht benennt, was genau zermürbt werden soll und wie die Zermürbung verhindert werden wird, ist zunächst ein Beweis für die Sorge der Warnenden – nicht für die Reichweite der Bedrohung.

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