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Der Bauer, der Gletscher und die Architektur der Schuld

5. August 2026 — — — Kastner

Saúl Luciano Lliuya wohnt in den peruanischen Anden, am Fuß eines Gletschers. Über seinem Haus liegt ein See, der seit Jahren wächst, weil das Eis schmilzt. Wenn ein Stück des Gletschers hineinbricht, könnte eine Flutwelle sein Dorf treffen und Tausende Menschen in den Tod reißen, sagen Hydrologen und diejenigen, die das Land kennen.

Lliuya ist Kleinbauer. Kein Aktivist, kein Funktionär, kein Mann mit Kanzlei und Krawatte. Ein Mann, der seinen Acker bestellt und auf das Wetter schaut, wie man es in den Anden seit Jahrhunderten tut. Nur dass das Wetter, das er kennt, verschwindet. Also hat er das getan, was die Mächtigen einander antun, wenn sie sich streiten: Er hat geklagt.

Sein Gegner heißt RWE, einer der großen deutschen Energiekonzerne, ansässig in Essen. Der Vorwurf: Mitverursachung der Erderwärmung, anteilig, über Jahrzehnte. Es ist, soweit sich dies überblicken lässt, der erste zivilrechtliche Fall weltweit, in dem ein einzelner Mensch ein Unternehmen für konkrete, bereits eingetretene oder unmittelbar drohende Folgen der Erderwärmung persönlich zur Rechenschaft ziehen will.

Bevor man weiterliest, lohnt es sich, einen Moment stehenzubleiben. Da steht ein Bauer aus den Anden vor einem deutschen Gericht, vermutlich mit einem Übersetzer, vielleicht mit einem Anwalt, der die Kindheit seines Mandanten nicht kennt. Sein Kontrahent, RWE, verfügt, wie es sich für ein Unternehmen dieser Größe gehört, über eine Phalanx von Juristen, deren Aufgabe es ist, Verantwortung in Paragraphen aufzulösen, bis sie niemandem mehr zugeordnet werden kann. Die Asymmetrie dieses Bildes ist keine Nebensache. Sie ist die Anklage.

Bei aller juristischen Trockenheit ist dieses Verfahren im Kern der Versuch, eine Waage ins Lot zu bringen, die seit Jahrzehnten ungleicharmig ist. Auf der einen Seite: ein Mensch, dessen Lebensgrundlage buchstäblich am Rand eines Sees steht, der jeden Tag ein wenig höher steigt. Auf der anderen Seite: ein Konzern, dessen Emissionen sich in der Atmosphäre mit denen anderer Akteure vermischen, bis niemand mehr sagen kann, wessen Rauch wessen Haus überflutet.

Genau darauf scheint sich die juristische Bewertung gestützt zu haben. Vor rund zehn Jahren reichte Lliuya die Klage in Deutschland ein. Im Mai 2025 wies ein deutsches Gericht sie ab. Die Begründung, soweit öffentlich, folgt einer Logik, die in Klimaprozessen immer wiederkehrt: Der Anteil des einzelnen Unternehmens am globalen Schaden lasse sich nicht zuordnen, die Kausalkette sei zu lang, die Verantwortung zu verteilt.

Es ist die Logik des Nebels. In einem Nebel lässt sich nichts festhalten. Wer den Nebel erzeugt, hat gewonnen.

Saúl Luciano Lliuya hat, soweit bekannt, angekündigt, weiterzumachen. Dass er überhaupt so weit gekommen ist, sagt weniger über die Großzügigkeit einzelner Richter als über die Hartnäckigkeit eines Mannes, der begriffen hat, dass manches nur dann ins Wanken gerät, wenn jemand den Anfang macht. Auch wenn der Anfang bedeutet, gegen Windmühlen zu klagen — gegen Mühlen, die diesmal echt sind und echt mahlen.

Die Frage, die das Verfahren aufwirft, geht indessen über den Einzelfall hinaus. Wenn ein peruanischer Kleinbauer keinen Anspruch darauf hat, dass ein Energiekonzern für seinen Teil an der Erderwärmung haftbar gemacht wird, wer dann? Wenn die Kausalkette zwischen einer Tonne Kohlendioxid, die in einem Ruhrpott-Schornstein aufsteigt, und einem Gletscherstück, das in einen andinen See bricht, zu lang ist, um justiziabel zu sein, dann ist das Klimasystem als Ganzes ein Raum, in dem Verursacher nicht mehr Verursacher heißen, sondern Mitglieder einer unbestimmten Mehrheit.

Was hier verhandelt wird, ist nicht in erster Linie die Schuld eines einzelnen Unternehmens. Es ist die Architektur der Verantwortung im Zeitalter der Erderwärmung. Ob es gelingt, einen Riss in diese Architektur zu schlagen, wird sich zeigen. Sicher ist nur: Der Versuch selbst ist bereits eine Aussage darüber, dass am Ende niemand behaupten können soll, er habe nichts gewusst, weil alle alles gewusst haben.

In Genf hat man Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Das ist das eine.

Das andere ist: Saúl Luciano Lliuya hat keine Handschuhe getragen, als er die Klage einreichte. Er hat auch keine gebraucht. Das war schon immer ein Vorteil derer, die wenig zu verlieren haben. Sie müssen sich die Hände nicht schützen, weil sie nichts besitzen, was andere begehren könnten — außer dem, was sie sind: Menschen, die Fragen stellen, auf die die Mächtigen keine Antwort haben.

Die Welt spielt Schach. Bekanntlich. Lliuya hat einen Bauern gezogen, und es ist ausgerechnet der Bauer selbst.

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