Der Zug nach Michigan: Lokführerin, Kohleschaufler und die Mechanik der Angst
Es gibt Sätze, die sagt man, weil sie wahr sind. Und es gibt Sätze, die sagt man, weil man sich wünscht, dass sie wahr werden. Der ehemalige Kongressabgeordnete Mike Rogers aus Michigan hat sich am vergangenen Freitag für die zweite Variante entschieden. „The crazy train has come to Michigan", sagte der Republikaner, der 2024 seinen Senatssitz im Bundesstaat nur knapp verpasst hat — mit einem Rückstand von rund 20.000 Stimmen — und es nun erneut versucht. „AOC is the engineer, and Bernie Sanders is shoveling the coal in." Die Metapher ist so handgezimmert wie wirkungsvoll: Alexandria Ocasio-Cortez am Schalthebel, Bernie Sanders beim Kohleschaufeln, der Waggon voll mit verrückten Demokraten auf dem Weg in den Abgrund. Rogers sprach diese Worte wenige Tage vor der Vorwahl am Dienstag, in der zwei Demokraten um die Senatskandidatur ringen. Rogers selbst steht im republikanischen Vorwahlkampf ohne Gegenkandidaten.
Was sagt diese Metapher? Sie verrät mehr über den Mann, der sie äußert, als über jene, die er damit meint. Rogers macht keinen Hehl aus seinem Kalkül. „The shift in the last few months has been pretty remarkable", sagte er weiter, „and what that should do is terrify every Michigander." Wer terrifiziert werden soll, das sind die Wählerinnen und Wähler. Wer profitiert, das ist der Mann, der sich als letzter Anker der Vernunft inszeniert. Es ist die alte Mechanik: Man zeichnet eine Bedrohung, damit man selbst als deren Bezwinger erscheint. Bemerkenswert ist, was Rogers nicht sagt. Er weigert sich, einen bevorzugten Gegenkandidaten zu benennen — und zwar genau in dem Augenblick, in dem er laut vorhersagt, El-Sayed werde die Vorwahl gewinnen, „probably by double digits". Ein Sieg El-Sayeds wäre für ihn der ergiebigere.
Die Ausgangslage liest sich wie eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten. Bei den Demokraten stehen sich Abdul El-Sayed, ein Public-Health-Experte und Darling der progressiven Bewegung, und die Kongressabgeordnete Haley Stevens gegenüber. Stevens bringt den Segen des Mehrheitsführers im Senat, Chuck Schumer, des scheidenden Senators Gary Peters und Millionen Dollar aus externen Spendentöpfen mit — darunter Mittel AIPAC-naher Gruppen. Nach Angaben von OpenSecrets sind 60 Millionen Dollar von externen Gruppen in den Bundesstaat geflossen; es könnte die teuerste demokratische Vorwahl sein, die es je gegeben hat. El-Sayed wird von Ocasio-Cortez und Sanders unterstützt. Er nennt sich selbst keinen Democratic Socialist, gilt aber als Liebling jener Bewegung, die zuletzt spektakuläre Siege feiern konnte. In Umfragen führt er: Im Durchschnitt von RealClearPolitics liegt er zehn Punkte vorne, das Emerson College sieht ihn mit 54 zu 39 Prozent vor Stevens.
Und Rogers? Eine ältere Umfrage der Michigan Education Association sah ihn gegen El-Sayed mit zehn Punkten vorne und gegen Stevens nur knapp mit 46 zu 45 Prozent. Eine Erhebung von EPIC-MRA zeichnet ein ähnliches Bild: El-Sayed verliert demnach gegen Rogers 46 zu 43 Prozent, Stevens gewinnt 44 zu 42. Das sind Differenzen im Bereich statistischer Unschärfe. Genau deshalb wird die Frage, wer am Dienstag gewinnt, mit der Lupe beobachtet.
El-Sayed hat das längst begriffen. Am Samstag, auf einer Kundgebung in Grand Rapids, griff er die Phrase von seiner angeblichen Unwählbarkeit frontal an. „When they say I'm not electable, they're not talking about me", sagte er. „They're saying that you couldn't possibly be open-minded enough to elect somebody with a name like mine who prays like I do in a state like ours." Es ist die feinere Variante der Angstrhetorik: Wer den anderen nicht wählbar nenne, meine nicht seine Politik, sondern seinen Namen, seinen Glauben, seine Herkunft. Er erinnerte daran, dass Bill Clinton ihm nach einer Rede an der University of Michigan im Jahr 2007 geraten habe, für das Präsidentenamt zu kandidieren. „Did you see my name, though?", habe er Clinton damals gefragt. „Electability has nothing to do with the color of your skin or how you pray or what your name is", sagte er — und führte Obama als Beweis an, dass die Wählerinnen und Wähler durchaus offen genug seien.
Die Mechanik greift ineinander. In der Fellowship Chapel in Detroit soll am Sonntag ein Gemeindemitglied zu Stevens gesagt haben: „Miss Stevens, we know you're gonna kick that Muslim's butt." Stevens antwortete, ohne zu zögern: „We're here for Michigan." Sie wies den Angriff zurück, ohne ihn zu kommentieren. Auch das ist eine Notation auf dem Brett — jede Figur zählt.
Am Wahlabend selbst verlagerte sich die Szene. Melat Kiros, eine Verbündete El-Sayeds, sagte gegenüber Fox News Digital, ein Sieg ihres Kandidaten wäre kein Beleg für einen Linksruck, sondern Ausdruck einer Bewegung „of the people against the people in power". Chris Rabb, Abgeordneter aus Pennsylvania, wies die Frage nach Links oder Rechts mit einer Gegenformel zurück: „I don't really see left and right. I see forward." Hasan Piker, der linke Streamer, der am Vorabend mit El-Sayed aufgetreten war, wurde am Wahlabend gesichtet.
Was bleibt? Eine Vorwahl, die Michigan zum Schaufenster eines größeren Konflikts gemacht hat. Eine republikanische Kampagne, die mit der Angst vor einem verrückten Zug wirbt, dessen Lokführerin in New York sitzt. Eine demokratische Kampagne, die aus einem Arzt eine Identitätsfrage ersten Ranges gemacht hat. Am Ende stehen zwei Erzählungen, die sich gegenüberstehen wie zwei Spiegel im Salon: Die eine sagt, Michigan stehe vor dem Abgrund; die andere sagt, Michigan solle sich nicht von Sätzen über den Abgrund einschüchtern lassen. Welche am Dienstag verfängt, wird man sehen. Welche das Land prägen wird, ist eine andere Frage.