Dargestellter Tabubruch — Wie der „Troll' zum unterhaltbaren Produkt wird
Man nehme einen Namen, der seit Jahren zwischen Kongressausschüssen, Schlagzeilen und Familienromanen zermahlen wird. Man setze ihn vor ein Mikrofon, lasse ihn neunzig Minuten lang reden, nenne das Ergebnis „riveting" — fesselnd, packend, unwiderstehlich — und vermarkte das Ganze als Podcast-Episode mit dem Untertitel „Behind the Table". Das Rezept ist nicht neu, aber es wird hier mit einer Offenheit zelebriert, die beinahe wieder ehrlich wirkt.
Ana Navarro, Co-Moderatorin der amerikanischen Tagesendung „The View", hat in der Vorbesprechung dieser Folge Hunter Biden als „the biggest troll" bezeichnet und dieses Prädikat mit dem Adjektiv „riveting" verziert. Es gehe, so Navarro weiter, um die „Monetarisierung der Präsidentschaft", um „Doppelstandards" und darum, dass der ukrainische Energiekonzern Burisma Biden und seinem Geschäftspartner Devon Archer ab dem Jahr 2014 jeweils eine Million Dollar jährlich zahlte — während sein Vater, der damalige Vizepräsident Joe Biden, die amerikanische Ukraine-Politik der Obama-Regierung mitverantwortete. Dass diese Zahlungen im Amtsenthebungsverfahren gegen den Vater von der republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus thematisiert wurden, dass Hunter Biden im Februar 2024 hinter verschlossenen Türen aussagte und das Plenum des Hauses am Ende nie über Anklagepunkte abstimmte — all das wird von Navarro zu einem Feldzug umgedeutet, der im Vergleich zu den „Milliarden", welche die Trump-Familie aus der Präsidentschaft gezogen habe, nicht einmal „Kleingeld" gewesen sei.
Was hier als „Doppelstandard" verhandelt wird, ist in Wahrheit eine Mechanik der Aufmerksamkeitsökonomie. Der „Troll" — einst ein Internet-Schimpfwort für jene, die absichtlich provozieren — wird in Navarros Vokabular zum Qualitätsmerkmal. „Er macht es mit Humor", sagt sie. Man müsse sich nur den Witz ansehen, den Biden an einen Nutzer zurückgab, der ihm die Verantwortung für das Kokain gab, das im Juli 2023 im Weißen Haus gefunden wurde: „Nein, ich hätte mein Kokain nie vergessen." Der Secret Service schloss seine Untersuchung damals, ohne einen Verdächtigen zu benennen; das FBI nahm den Fall 2025 wieder auf. Der Witz funktioniert, weil er die Grenze zwischen Straftat und Selbstironie bewusst verwischt — und genau diese Verwischung ist das Produkt.
Die Mechanik ist bestechend einfach. Eine Figur, die durch Verfahren, Medienberichte und familiäre Verstrickungen ohnehin zum politischen Personal gehört, wird nicht rehabilitiert und nicht angeklagt, sondern kuratiert. Auch die Verteidigung der Kunstverkäufe folgt diesem Muster: jede Transaktion sei „vetting"-Pflicht gewesen, Biden male sein Leben lang, Navarro sagt es mit dem Brustton der Sachkenntnis. Die Moderatorin Whoopi Goldberg hatte bereits im Juni über denselben Sender angeregt, Biden solle seine „Trolle" weiter ärgern, diesmal mit dem Inhalt seines Laptops. Die Empfehlung kommt einer Einladung gleich: Bleib laut, bleib lustig, bleib lieferbar.
Das Bezeichnende ist das Wort „riveting", das Navarro zweimal hintereinander verwendet. Es ist kein journalistisches Urteil, es ist ein Konsumversprechen. Der Zuschauer soll nicht erfahren, er soll gebannt sein. Wer „riveting" sagt, sagt: Hier wird dir ein Mensch als Spektakel gereicht, und du darfst zugreifen. Die Kategorie des Politischen wird nicht diskutiert, sondern ästhetisiert — der Skandal als Genreslot, der Provokateur als Staffelaufgabe. Selbst die Kollision mit dem Terminplan wird zur Anekdote: Die Aufzeichnung habe zur selben Uhrzeit stattgefunden wie das Spiel Argentinien gegen England bei der Weltmeisterschaft, sagt Navarro, als erkläre ein Feuer die Überschwemmung.
Navarro veröffentlicht das Gespräch auf zwei eigenen Kanälen, „Behind the Table" und „Bleep! with Ana Navarro". In beiden wird Hunter Biden nicht als Zeuge eines Verfahrens behandelt, sondern als Stammgast eines Formats, in dem politische Verwicklungen in Anekdoten aufgelöst werden. Burisma, Kokain im Weißen Haus, die Begnadigung durch den eigenen Vater, ein nie zu Ende geführtes Amtsenthebungsverfahren — all das wird nicht aufgearbeitet, sondern portioniert und unter dem Etikett „Humor" weiterverkauft.
Man darf dabei nicht übersehen, wer liefert und wer empfängt. Navarro liefert das Vokabular, der Sender liefert die Bühne, Biden liefert den Stoff, das Publikum liefert die Klicks. Der Apparat benötigt keine Verschwörung; er benötigt eine Sprache, die das Beobachtbare in Unterhaltsames übersetzt. Wenn eine Moderatorin eineinhalb Stunden mit einem Mann spricht, der zugleich Familienangehöriger, ehemaliger Vorstand und Protagonist eines Impeachment-Verfahrens ist, und das Ergebnis als „packend" ankündigt, dann ist der Kommentar bereits in der Ankündigung enthalten. Man muss die Folge gar nicht gehört haben, um zu wissen, was sie leisten wird: Sie wird nichts auflösen, aber sie wird den Sessel am Kamin mit einem weiteren Akt der Entpolitisierung füllen.
Die Handschuhe, die man bei solchen Transaktionen trägt, sind aus sehr feinem Stoff. Man sieht sie kaum. Aber sie sind da.