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Ein Versprechen, das keine Flut war

6. August 2026 — — — Kastner

Es gibt einen Satz, der so oft wiederholt wurde, dass er beinahe den Status einer Naturgesetzlichkeit erlangt hat: "A rising tide lifts all boats" - eine steigende Flut hebt alle Boote. Wer ihn ausspricht, meint es gut, oder zumindest bequem. Der Aphorismus, geboren im politischen Diskurs der Kennedy-Ära, suggeriert, dass wirtschaftliche Expansion allen zugutekommt, dass eine Politik des Wachstums automatisch eine Politik des Gemeinwohls ist. Er ist, in seiner Eleganz, eine zirkuläre Behauptung: Wer an den Erfolg glaubt, glaubt bereits an seine Verteilung.

Eine kürzlich veröffentlichte Analyse des Ökonomen Jomo Kwame Sundaram, aufgegriffen auf globalissues.org und über weitere Portale verbreitet, trägt einen Titel, der sich als Devise dieses Textes eignet: "Trade Liberalisation Never Lifted All Boats" - Handelsliberalisierung hat niemals alle Boote gehoben. Der Befund ist eindeutig und in seiner Eindeutigkeit unbequem: Während selektive Liberalisierung mächtigen Konzerninteressen und einigen anderen nutzte, haben die meisten verloren.

Was dies konkret bedeutet, lässt sich an den Zahlen festmachen, die der Bericht liefert. Die Liberalisierung reduzierte Zolleinnahmen - und zwar dort am drastischsten, wo diese Einnahmen am notwendigsten waren. In den ärmsten Entwicklungsländern machten Zölle bisweilen die Hälfte der gesamten Steuereinnahmen aus. Was an den Grenzen wegfiel, wurde durch andere Abgaben - typischerweise Konsum- oder Einkommensteuern - nur unzureichend kompensiert. Die versprochene Kompensation blieb ein Versprechen. Wo zuvor ein Staat über die Zollstation seine Schulen finanzierte, entstand ein schwarzes Loch im Haushalt, das niemand zu füllen bereit war.

Die Architektur dieser Liberalisierung war kein Zufall. Wie Jomo darlegt, war die Liberalisierung, wie sie über das GATT und später die Welthandelsorganisation betrieben wurde, von den Vereinigten Staaten und den fortgeschrittenen Volkswirtschaften konzipiert - designt, so der Befund, um deren eigene Vorteile zu bewahren. Die WTO, so heißt es in der Analyse, förderte eine neoliberale Ordnung, die nicht neutral war, sondern strukturiert: Sie öffnete jene Märkte, die für die Konzerne der exportierenden Industrienationen interessant waren, und schützte jene Sektoren, in denen diese Nationen ihre Wettbewerbsvorteile nicht preisgeben wollten.

Dass Präsident Trump die "globalistische" Handelsliberalisierung für die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten verantwortlich machte, ist bemerkenswert - nicht weil der Vorwurf neu wäre, sondern weil er von jener Seite kommt, die einst den Hebel bediente. Die USA hatten das System mitgeschrieben, das ihnen nun, nach Jahrzehnten, als Verlustursache erscheint. Man kann dies als späte Einsicht lesen, oder als taktische Umdeutung. Was man nicht kann: die Diagnose als falsch abtun. Dass das System Verlierer produzierte, war Teil seiner Programmierung.

Die zentrale Frage ist daher nicht, ob Freihandel gescheitert ist - diese Frage unterstellt, dass er je mit dem Anspruch angetreten war, allen zu nützen. Die Frage ist, welche politischen Strukturen verhinderten, dass er es hätte tun können. Die Antwort liegt in den Verhandlungsräumen, in denen Staaten mit ungleicher Verhandlungsmacht aufeinandertrafen; in den Konditionalitäten, die an internationale Kreditvergabe geknüpft wurden; in der Bereitschaft, nationale Souveränität dort preiszugeben, wo sie Kapitalverkehr schützte, und dort zu bewahren, wo sie Kapitalverkehr behinderte. Wer diese Strukturen nicht benennt, kann die Verlierer nicht erklären - und kann sie, bei nächster Gelegenheit, erneut produzieren.

Eine Frau, die ich in Genf kannte - damals, als die multilateralen Verhandlungen noch den Anschein von Gleichrangigkeit hatten -, sagte mir beim Verlassen eines Saals: "Die Verträge werden auf dem Papier unterzeichnet, aber ihre Einhaltung wird auf dem Boden verhandelt." Sie trug stets weiße Handschuhe, auch im Sommer. Was sie meinte, war dies: Liberalisierung war nie ein neutraler Mechanismus. Sie war ein Instrument, geführt von jenen, die es konstruiert hatten. Die Boote, die nicht gehoben wurden, waren nicht übersehen worden - sie waren nie Teil der Kalkulation.

Wer heute, im Sommer 2026, das Versprechen der steigenden Flut wiederholt, sollte wissen: Die Flut stieg nur für jene, die bereits auf dem Wasser waren. Für die anderen war sie eine Mitteilung über das Wetter, das sie nicht gemacht hatten.

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