Bundesweite Aufmerksamkeit — die Architektur der Sichtbarkeit
Es gibt einen Mechanismus, der in diesem Land so zuverlässig greift wie das Räderwerk einer Zürcher Präzisionsuhr, und wer ihn einmal gesehen hat, kann ihn nicht mehr übersehen. Eine kleine Meldung, irgendwo in der Provinz, beinahe belanglos, beinahe privat — und binnen weniger Tage steht ein Landrat auf einem Podium in Berlin, halten Polizisten Straßen besetzt, leuchten rote Laternen auf, und überall wird die Überschrift gedruckt, die alle fürchten und alle begehren: Bundesweite Aufmerksamkeit.
Man muss die Vokabel ernst nehmen. Sie klingt wie eine Auszeichnung, wie ein Ritterschlag, und sie ist es auch — nur nicht derjenige, der ausgezeichnet wird. Es ist die Aufmerksamkeit selbst, die hier geadelt wird, jene knappe Währung, die zwischen München und Flensburg täglich neu verteilt wird. Wer sie bekommt, hat für einen Augenblick Anteil an der Macht des Sichtbaren.
Schauen wir auf die Belege, die das Material hergibt. Da ist zunächst die Nestbau-Zentrale Mittelsachsen, die sich am Siebenundzwanzigsten präsentiert, regionale Ausbildungsmessen, Ferientage in der Praxis, alles wohlfeil und nützlich. Als gelungenes Praxisbeispiel zur Stärkung ländlicher Regionen hat sie sich bundesweit einen Namen gemacht. Sehr ordentlich. Sehr vorbildlich. Sehr — man verzeihe das Wort — klein.
Daneben, mit derselben Vokabel versehen, eine Meldung aus Ahrenshoop. Straßenlampen in LED-Technik, rot leuchtend, weil sie keine Insekten anlocken sollen — eine löbliche Erfindung, gewiss, und über die Halbinsel hinaus wird sie zur kleinen Sensation. Sensation? Ein Lämpchen, das rot brennt. Aber da ist es wieder, das Wort, das die Distanz zwischen Vorgang und Bedeutsamkeit kunstvoll verkürzt: Aufmerksamkeit, bundesweit.
Mit Datum vom einunddreißigsten März dieses Jahres sodann das Leerstandsmanagement aus dem Freiraum für Macher. Ein Landrat namens Peter Berek steht auf dem Podium beim Kommunaldialog des Bundesbauministeriums in Berlin. Wieder die Inszenierung des Regionalen auf der nationalen Bühne. Man reist an, man spricht, man wird gehört, und der Saal applaudiert, weil es so selten geworden ist, dass jemand aus der Provinz überhaupt noch durchdringt nach Berlin.
Schließlich die Polizei, die sich für den Zwanzigsten September einen Aktionstag vorgenommen hat — Handys im Straßenverkehr, Ablenkung, Risiken. Elftausend Polizisten ab sechs Uhr morgens im Einsatz, Kontrollen, Infostände, Parcours, Fahrsimulatoren. Eine noble Sache, gewiss, eine Sache, die Leben rettet. Aber auch hier achte man auf die Mechanik: Ein lokales Anliegen wird zur bundesweiten Inszenierung, und wer mitmacht, füllt seine Akten mit schönen Zahlen.
Vier Vorgänge. Eine Grammatik. In jedem Fall wird das Regionale zum Nationalen gehoben, und in jedem Fall geschieht dies durch eine Verdoppelung — das Ereignis findet statt, und parallel dazu findet die Berichterstattung über das Ereignis statt, und diese zweite Ebene ist es, die zählt. Der Landrat hat nicht nur in Berlin gesprochen; er hat vor allem einen Satz nach Hause tragen dürfen, der bei der nächsten Wahl nützt: Ich war dort. Die Polizei hat nicht nur kontrolliert; sie hat vor allem gezeigt, dass sie kontrolliert. Ahrenshoop hat nicht nur eine Laterne aufgehängt; Ahrenshoop hat ein Licht entzündet, das in den Schlagzeilen weiterbrennt.
Was also ist bundesweite Aufmerksamkeit? Sie ist, genau besehen, ein Tauschgeschäft. Wer sie gibt — eine Redaktion, ein Ministerium, ein Verband —, erhält einen Stoff, der sich drucken lässt. Wer sie empfängt — ein Landkreis, eine Initiative, eine kleine Stadt —, bekommt für einen Moment das Gefühl, nicht vergessen zu sein. Beide Seiten kennen den Preis. Nur wird er selten beim Namen genannt.
Vielleicht liegt darin die Aufgabe derjenigen, die zuschauen: nicht mitzumachen in der Geste, sondern die Geste zu beschreiben. Eine Laterne, die rot leuchtet, ist keine politische Tat. Eine Ausbildungsmesse ist keine Strukturpolitik. Ein Landrat auf einem Podium ist keine Reform. Aber alle zusammen ergeben sie den Teppich, auf dem die eigentlichen Dinge erst unsichtbar werden — die großen Verträge, die nie eingehalten werden, die Männer, die lächeln, während sie lügen.
Wer das Auge schärft, sieht: Bundesweite Aufmerksamkeit ist immer auch ein Versteck.