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Merck vor dem Höchstgericht: Eine Frage des Preises

6. August 2026 — — — Kastner

Es beginnt mit einer Auskunftsanfrage und endet vor dem Verfassungsgericht. Die österreichische Tochter von Merck & Co. zieht gegen Journalistinnen und Journalisten, die wissen wollten, was die Spitäler des Landes für das Krebsmedikament Keytruda tatsächlich bezahlen. profil und Der Standard hatten die Anfragen im Rahmen der globalen Recherche „Cancer Calculus" gestellt, einer Untersuchung des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), an der sich 47 Medienpartner in 37 Ländern beteiligten — von Finnland bis Brasilien, von Malta bis Mexiko, von Indien bis Guatemala.

Was in Wien verhandelt wird, geht über Wien hinaus. Dass Behörden und Spitäler Medikamentenpreise unter Berufung auf Vertraulichkeit zurückhalten, ist internationaler Standard; in mehreren Ländern blockierten Gesundheitsbehörden entsprechende Anfragen während der Cancer-Calculus-Recherche. Was den Fall Österreichs besonders macht, ist der Gang vor Gericht — und die Tatsache, dass das dortige Informationsfreiheitsgesetz, in Kraft seit September 2025, ein altes, fast unknickbares Amtsgeheimnis abgelöst hat. Die Arzneimittelpreise öffentlich finanzierter Krankenhäuser, so die Klägerinnen, gehören zur Sache der Bürger. Merck sieht das anders.

Die Größenordnung lässt aufmerken. Keytruda, entwickelt und vermarktet von Merck, außerhalb der Vereinigten Staaten unter dem Kürzel MSD geführt, ist in Österreich nach dem Listenpreis des Herstellers der größte Einzelposten unter den Spitalsmedikamenten. Im Jahr 2024 wurden schätzungsweise 245 Millionen Euro dafür gezahlt; zwischen 2020 und 2024 summieren sich die Ausgaben auf mehr als 900 Millionen Euro. Welche Beträge nach den Verhandlungen zwischen Spitalsträgern und Hersteller tatsächlich fließen, weiß nicht einmal die zuständige Bundesbehörde. Vertraulichkeitsklauseln schirmen den realen Preis ab — eine Konstruktion, die es ermöglicht, dass öffentliche Ausgaben ohne öffentliche Kenntnis zustande kommen.

Was die Reporterinnen und Reporter bekamen, waren Teilhinweise. Den tatsächlichen Einkaufspreis aber legte kein einziges Spital offen. Im Frühjahr dieses Jahres fochten profil und Der Standard die Ablehnungen vor den Verwaltungsgerichten der Länder an. Im Mai reisten sie — ohne juristische Vertretung, ohne Honoratioren — durch das ganze Land und trugen vor Richterinnen und Richtern vor, warum Auskunft über Beschaffung und Kosten im öffentlichen Interesse liege.

Die Argumentation des Konzerns wurde in einer gerichtlichen Verfügung dokumentiert. Die Offenlegung des Nettopreises, so Mercks Anwälte, gefährde Geschäftsgeheimnisse, verschaffe Wettbewerbern einen „informational advantage" und beschädige die eigene Marktposition. Zusätzlich verwies man auf die „Most Favored Nation Drug Pricing"-Politik der Trump-Regierung, die amerikanische Preise als Maßstab setzen soll — die Bekanntgabe europäischer Zahlen, so das Argument, könne dortige Erhöhungen nach sich ziehen. Ein Konzern, der sein Schweigen als Schutz europäischer Patientinnen und Patienten inszeniert, hat seine Sätze offenbar sorgfältig gewählt.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die schlichte Frage nach dem Wert. Global, so zeigen ICIJ-Auswertungen, spülte Keytruda 31,7 Milliarden Dollar Umsatz allein im Jahr 2025 in Mercks Kassen — fast die Hälfte des Konzernerlöses. Auf einer US-amerikanischen Patientenrechnung wurde eine Einzeldosis mit 162.000 Dollar verzeichnet. Zwischen Wiener Spitalsträgern und der Konzernzentrale in New Jersey liegt viel Geografie und noch mehr Verhandlungsmasse. Was davon auf österreichische Patientinnen und Patienten entfällt, ist bislang Verhandlungssache geblieben.

Jetzt also das Verfassungsgericht. Der Ausgang des Verfahrens wird zeigen, wessen Recht schwerer wiegt — das des Unternehmens auf Geschäftsgeheimnis oder das der Bürgerinnen und Bürger auf Wissen über jene Zahlen, die ihre Gesundheitsversorgung definieren. Es ist, in der Sprache des Wiener Juristen, eine Interessenabwägung. In der Sprache dieser Korrespondentin: ein Handel zwischen Verschweigen und Aufklärung.

MERCK vs. AUFKLÄRUNG — eine Übersetzung, die in jedem Akt steht, auch wenn sie niemand so schreibt.

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