← Zurück zur Titelseite Politik

Die tollsten Arme, die er je sah — und der Preis dafür

6. August 2026 — — — Kastner

Manchmal beginnt die Wahrheit eines Vertrages mit einer Umarmung im Verpflegungszelt. So auch in dieser Geschichte. Matt Damon, 55, Oscar-Preisträger, sagt im Podcast »Happy Sad Confused«, was er bei der ersten Begegnung mit seinem Stunt-Double empfand: Er habe es umarmt und ihr gedankt. Es ist ein höflicher Satz, eine anständige Geste, die in keinem Studiovertrag steht und in keinem Presseheft erwähnt wird. Es ist die Choreografie des Wohlwollens, und sie funktioniert tadellos.

Die Frau heißt Devyn Dalton. Sie ist 34 Jahre alt, in Kanada geboren, 1,37 Meter groß, und sie doubelte Damon in Christopher Nolans »Die Odyssee« für die Szenen mit den Laistrygonen — jenen Riesenkannibalen aus Homers Epos, die in der filmischen Übersetzung besonders große Stuntleute auf der einen, besonders kleine auf der anderen Seite erforderten. »Mein Double war eine Frau, eine Stuntfrau«, erzählt Damon, und ergänzt, sie habe die »tollsten Arme« gehabt, die er je gesehen habe. Es klingt wie ein Kompliment. Es klingt wie ein Urteil über einen Körper, der zu vermieten ist.

Hier beginnt die Akte, die niemand öffnet.

Denn Dalton ist, so berichtet die »New York Post«, Schauspielerin, Stunt-Performerin, Motion-Capture-Künstlerin, Sprecherin und Tänzerin. Sie debütierte 2011 in »Rise of the Planet of the Apes«, absolvierte drei Wochen sogenanntes »Ape-Training«, spielte in den Fortsetzungen den Cornelius, in einigen Szenen sogar den Caesar — auf allen vieren, mit der Physiognomie eines Primaten, in einem Kostüm, das kein Star tragen möchte. Sie trainiert täglich: Yoga, Gewichte, Boxen, Waffenarbeit. »Manchmal«, sagt sie, »bekommt man nur eine Woche Vorlauf.« Eine Woche. So lang ist die Frist, in der ein Körper, ein Gesicht, ein Bewegungsvokabular auf Abruf bereitstehen müssen für das Spektakel, das am Eröffnungswochenende 264 Millionen US-Dollar einspielt und damit die eigenen Vorgänger des Regisseurs schlägt — »Oppenheimer« mit 174 Millionen im Jahr 2023, »The Dark Knight Rises« mit 249 Millionen 2012, »The Dark Knight« mit 198 Millionen 2008.

Das ist die Mechanik, die wir kennen. Die Gala ruft, und die Mechanik tritt zurück. Wir blicken auf den Stern, wir kaufen die Kinokarte, wir applaudieren dem Mann, der den Odysseus spielt. Wir applaudieren auch Anne Hathaway, Tom Holland, Robert Pattinson, Zendaya, Charlize Theron, Lupita Nyong'o, Elliot Page und Samantha Morton — einem Aufgebot, das den Film bewirbt, als wäre er ein Wahlkampf. Wir applaudieren nicht der Frau, die an ihrer statt auf dem Pferd sitzt, den Speer führt, den Aufprall nimmt. Wir applaudieren Damon, der ihre Arme lobt. Und Damon, der sie im Verpflegungszelt umarmt.

In Genf habe ich Verträge gelesen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Die Umarmung im Verpflegungszelt ist keine Lüge. Sie ist etwas Schlimmeres: Sie ist wahr, und sie ändert nichts. Sie ist ein Token des Wohlwollens in einer Industrie, die Körper und Identitäten zur Handelsware macht — der Körper der 1,37 Meter großen Frau, die Arme, die sie jahrelang geschmiedet hat, die Identität, die hinter dem Doppel verschwindet.

Dalton selbst sagt es: »Es war ein langer Weg, den Weg zu ebnen.« Sie sagt auch: »Vertrauen ist das wichtigste Gut in diesem Feld.« Vertrauen — ein Wort, das in keinem Tarifvertrag steht, das nicht bezahlt wird, das aber vorausgesetzt wird, sobald der Anruf kommt und die Woche Vorlauf beginnt. Sie spricht von jahrelanger Vorbereitung, von einer Karriere ohne Verbindungen in die Industrie, von dem Moment, in dem das Telefon klingelt und der Körper bereitstehen muss. Sie spricht nicht von Gage. Sie spricht nicht von Vertragsklauseln. Sie spricht von Vertrauen.

Und das ist der Vertrag, den wir nicht sehen.

»Die Odyssee«, so notierte unlängst ein Kritiker, ist ein obsessives Männerdrama, ein durch Selbsthass getriebener Antiheld — die Verfilmung einer der bekanntesten Geschichten aller Zeiten, besetzt mit den bekanntesten Gesichtern unserer Zeit. 264 Millionen Dollar an einem Wochenende. Zum Vergleich, weil Vergleich hier Pflicht ist: »Avengers: Endgame« spielte 2019 zum Start 1,2 Milliarden Dollar ein. Man muss die Größenordnung mitführen, sonst verliert man das Maß.

Dalton steht im Promobild neben dem 2,13-Meter-Stuntdouble, das sie doubelte. Sie ist klein, sie ist sichtbar, und sie ist auf dem Plakat trotzdem Beiwerk. Die Bildunterschrift wird Damons Namen tragen, nicht ihren. Das ist die Hierarchie, sauber wie ein Vertragstext, und sie wurde nicht ausgehandelt. Sie wurde vollzogen.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Auch jetzt. Es hilft, die Kälte der Tastatur nicht zu spüren, wenn man über Industrien schreibt, die Wärme verkaufen. Es hilft auch, die Hände sauber zu halten.

Die tollsten Arme, die er je sah. Die Umarmung im Verpflegungszelt. Die eine Woche Vorlauf. Die 264 Millionen Dollar, die an einem Wochenende über die Leinwände gehen, während die Stuntfrau, die sie ermöglicht hat, in keinem Presseheft auftaucht.

Das ist die Maschine. Sie läuft. Sie läuft, weil alle auf die Bühne starren.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite