Platon und die zweiundzwanzig Milliarden
London, Westminster Magistrates' Court, ein Dienstag im Juli 2026. Die Stadt trägt ihren gewohnten Mantel aus Niesel und Selbstgerechtigkeit, und in einem Saal, dessen Nummer die Akten führen, sitzt ein Mann, dem man nachsagt, er habe das Unmögliche vollbracht: zweiundzwanzig Milliarden Dollar durch ein Labyrinth aus Konten, Richterbeschlüssen und halbseidenen Darlehen geschleust zu haben, in den Jahren zwischen 2010 und 2014, als die Welt noch glaubte, Geld sei ein solides Argument. Veaceslav Platon, dreiundfünfzig Jahre alt, moldauischer Geschäftsmann, früher Eigner von Anteilen an Moldindconbank, der zweitgrößten Bank seines Landes, und an Agroindbank, der größten — ein Mann also, der, hätte er seine Visitenkarte mit der Wahrheit bedruckt, hätte schreiben können: Ich war das Geld.
Heute sitzt er vor den Schranken und kämpft gegen seine Auslieferung. Festgenommen in London im vergangenen Jahr, auf Ersuchen der Republik Moldau. Die Anklage: Mitgliedschaft in einem kriminellen Netzwerk, das Gelder aus russischen Banken abgezogen und über moldauische Konten weitertransferiert haben soll. Die Summe, die im Raum steht, ist jene zweiundzwanzig Milliarden. Sie ist so absurd hoch, dass sie beinahe wieder glaubwürdig klingt — denn nur die Wirklichkeit ist so ungeheuerlich, dass sie wie Übertreibung wirkt.
Die Anklage, vorgetragen durch die moldauische Staatsanwaltschaft und in London vertreten durch Catherine Brown, liest sich wie das Drehbuch eines Verfahrens, das sich nicht entscheiden kann, ob es Dokumentarfilm sein will: Man habe, so heißt es, Gelder als angeblich legitime Zahlungen oder Darlehen deklariert, die Rückzahlung sodann systematisch verweigert und anschließend Klagen eingereicht — bei handverlesenen Richtern, die bereit waren, den nötigen Beschluss beizusteuern, damit die Sache nach Recht aussah. Die Justiz als Notar des Betrugs, so lautet die Lesart der Anklage. Platon war, folgt man ihr, nicht der einzige Architekt des Gebäudes, aber einer derer, die das Fundament gossen.
Platon weist das zurück. Er sagt, er habe die proeuropäische Präsidentin Maia Sandu unterstützen wollen. Die aber habe, so Platon durch einen Dolmetscher, von Anfang an die Position vertreten, dass das Verbrechen überall sei und nur sie selbst die Güte des Landes verkörpere. Man beachte die Ironie: Ein Mann, dem Geldwäsche in Milliardenhöhe vorgeworfen wird, wirft einer Staatspräsidentin vor, sich zur alleinigen Inkarnation des Guten erklärt zu haben. Platon formuliert es selbst so: »I was the owner of the shares of the two biggest banks of the country and three of the largest insurance companies of the country … there was not any more influential person in the country in relation to economic and finance than I was, so she saw a threat.« Wer so spricht, sagt zugleich, dass Größe ein Risiko ist. Es ist die Verteidigungsrede eines Mannes, der weiß, dass Recht eine Frage der Perspektive sein kann.
Seine Anwälte argumentieren, die Strafverfolgung ziele darauf ab, ihn »als politische Bedrohung zu neutralisieren«. Die Klage sei konstruiert, um seine Anteile an Moldindconbank und an Agroindbank einzuziehen — also genau jene beiden Institute, die in der Moldau zwischen 2010 und 2014 noch eine Rolle spielten, als dort das geschah, was später als »Diebstahl der Milliarde« bezeichnet wurde, jener Skandal, in dessen Kontext auch die Namen Ilan Șor, Vladimir Plahotniuc und Serghei Iaralov fielen. Platon war 2017 in Moldau wegen Geldwäsche verurteilt, in der Berufung jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt worden; im August 2016 war er aus der Ukraine nach Chișinău ausgeliefert worden, um sich dort zu verantworten. Er kennt die Räume, die Gänge, die Aktenzeichen. Er weiß, wie moldauische Staatsanwaltschaften schreiben, wenn sie schreiben wollen, und wie sie schweigen, wenn Schweigen billiger ist.
Die Gegenseite kontert in schriftlichen Ausführungen, Platoms Vorwurf sei »a screen by (Platon) to evade responsibility for the alleged crimes and avoid extradition« — ein Vorhang, hinter dem sich ein Fliehender verstecke. Brown formuliert es nüchtern: »The prosecutions against (Platon) are not politically motivated. They are based upon evidence of criminality giving rise to properly founded charges.« Das ist die Sprache derjenigen, die möchten, dass man ihnen glaubt, weil sie es gewohnt sind.
Was bleibt, ist ein Vorgang. Die Verhandlung wird im August fortgesetzt, im November wieder aufgenommen, ein Urteil wird zu einem späteren Zeitpunkt erwartet. In Westminster geht man indessen zur Tagesordnung über, wie Westminster das immer getan hat, wenn auf seinem Boden die Geister fremder Hauptstädte verhandelt werden. Platon wartet. Sandu regiert. Moldau beobachtet London, London beobachtet Moldau, und die zweiundzwanzig Milliarden beobachten uns alle.