Eltern in der Schuld: Wenn die Mehrwertsteuer Privatschulen zementiert
Es beginnt, wie es immer beginnt. Mit einer Zahl. Mit einer Rechnung, die im Herbst ins Haus kommt, auf schwerem Papier, mit dem Wappen der Anstalt in der Ecke, und mit einem Betrag, der sich gegenüber dem Vorjahr um jene Differenz erhöht hat, die sich nicht mehr wegdiskutieren lässt. Die Eltern handeln. Sie verhandeln. Sie bitten. Sie versuchen, den Direktor zu erreichen, der nicht zurückruft, die Sekretärin, die ausweicht, den Verwaltungsleiter, der mit der Geduld eines Mannes antwortet, der weiß, dass er gewinnen wird. Die Verhandlung ist keine Verhandlung. Sie ist eine Geste der Würde vor dem Unvermeidlichen.
Hinter dieser Geste steht ein Mechanismus, der älter ist als jede einzelne Schule. Die privaten Bildungseinrichtungen sind längst nicht mehr nur Anbieter eines Produkts; sie sind Glieder einer Kette, deren Ende im Portemonnaie der Eltern verankert ist. Und in diese Kette wurde kürzlich ein neues Glied eingefügt: die Mehrwertsteuer, die nun auf Gebühren erhoben wird, die bislang als bloße Schulgelder galten. Was als steuertechnische Klarstellung daherkommt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein Instrument, das die Asymmetrie zwischen Anbieter und Nachfrager nicht aufhebt, sondern zementiert.
Denn die Eltern können nicht gehen. Das ist der entscheidende Punkt, den man verstehen muss, will man begreifen, warum die Gespräche so seltsam ritualisiert wirken. Sie können nicht gehen, weil das Kind bereits eingewöhnt ist, weil die Klasse bereits vertraut ist, weil der Wechsel in eine staatliche Schule mit Verlusten verbunden wäre, die sich nicht in Geldeinheiten messen lassen. Sie können nicht gehen, weil die Privatschule längst keine freie Wahl mehr ist, sondern eine Entscheidung, die unter dem Druck bestimmter Erwartungen getroffen wurde — Erwartungen, die von der Gesellschaft, von Verwandten, von einer Arbeitswelt formuliert werden, die frühe Fremdsprachen und Zusatzunterricht für das Minimum des Möglichen hält.
In diese Situation hinein schlägt die Mehrwertsteuer. Sie schlägt mit der Wucht einer bürokratischen Entscheidung, die so technisch klingt, dass kaum jemand auf die Straße geht, um dagegen zu protestieren. Sie schlägt auf jeden Betrag, den die Schule nach eigenem Ermessen festlegt. Und sie schlägt immer.
Man stelle sich die Mechanik vor: Eine Schule legt ihr Schulgeld fest, nach oben offen, in einer Höhe, die niemand prüft. Auf diese Zahl wird ein Steuersatz erhoben, der nicht in der Schule, sondern im Gesetzbuch festgeschrieben steht. Die Schule hat diese Steuer nicht erfunden. Aber die Schule hat auch keinen Anlass, sie aufzufangen. Im Gegenteil: Die Steuer erhöht den Betrag, den die Eltern zahlen müssen, ohne dass die Schule ihre Kalkulation offenlegen müsste. Es ist eine Erhöhung, die niemandem gehört und die alle bezahlen.
Die Unterredungen, die nun zwischen Eltern und Verwaltungen stattfinden, gleichen daher einem Tanz, bei dem die Musik bereits aufgehört hat. Die Eltern bitten um Ratenzahlung. Die Schule gewährt sie, mit einer kleinen Gebühr. Die Eltern bitten um Reduktion. Die Schule prüft, schreibt, meldet sich nach Wochen mit einem Entgegenkommen, das kaum eines ist. Die Eltern unterschreiben. Nicht weil sie überzeugt sind, sondern weil die Alternative — der Wechsel mitten im Schuljahr, die verlorene Routine, die ungewisse Zukunft in einer staatlichen Klasse — teurer ist als jede Rechnung.
So entsteht das, was Ökonomen eine Bindung nennen und was Eltern als Feststecken empfinden: Eine Konstellation, in der der Anbieter den Preis diktieren kann, weil der Nachfrager die Kosten des Wechsels längst verinnerlicht hat. Die Mehrwertsteuer verstärkt diesen Mechanismus, weil sie die absolute Höhe der Rechnung erhöht und damit den Abstand zwischen dem, was Eltern zahlen, und dem, was sie bei einem Wechsel verlieren würden, vergrößert. Je höher die Rechnung, desto höher die Verlustschwelle. Je höher die Verlustschwelle, desto stiller die Eltern.
Was bleibt, ist die Frage nach den Auswegen. Sie wird in Elternabenden gestellt, in Chatgruppen diskutiert, in Zeitungen angerissen und sofort wieder fallengelassen, weil die Antworten so unbequem sind wie die Rechnungen selbst. Die naheliegende Antwort — die staatliche Schule — ist für viele keine Antwort, sondern eine Drohung: mit überfüllten Klassen, mit veralteten Lehrmethoden, mit dem stillen Eingeständnis, dass der eigene Ehrgeiz gescheitert sei. Eine andere Antwort — die Privatschule mit Subventionen, mit öffentlicher Kontrolle, mit gedeckelten Preisen — existiert in Papieren, in Programmen, in Sonntagsreden. In den Rechnungen der Eltern steht sie nicht.
Man kann diesen Zustand kritisieren, und man sollte es. Aber man sollte ihn vor allem beschreiben, in der Sprache, die ihm zukommt: als das Ergebnis einer Steuerpolitik, die so tut, als sei sie neutral, während sie eine bestehende Asymmetrie weiter vertieft; als das Ergebnis eines Bildungsmarktes, der die Verhandlungsmacht dorthin gelegt hat, wo das Kapital liegt; als das Ergebnis einer Gesellschaft, die den Wert einer Schule am Preis misst und am Preis vergisst, was Schule eigentlich sein sollte.
Die Handschuhe liegen bereit. Die Tinte trocknet. Die Rechnung kommt im Herbst.