Die Dürre, die Delhi nicht deklarieren will
Karnataka schreibt Briefe. Der Monsun schweigt. Und zwischen Bangalore und Neu-Delhi öffnet sich ein Spalt, in den eine ganze Ernte fällt.
Die Zahlen zuerst, weil Zahlen in Indien oft das einzige sind, was nicht lügt. Der Juni brachte Karnataka ein Regendefizit von 42 Prozent. Der Juli eines von 34 Prozent. Wer auf den Karten des IMD die blauen Flächen über dem Süden des Subkontinents betrachtet, sieht, wie sich die Farbe über Karnataka verdünnt, während sie über Kerala dunkel bleibt und sich über Telangana sogar verstärkt. Heavy rains have been reported in Kerala. Telangana erwartet normal to above-normal Regen. Karnataka zählt, was nicht fällt.
Und doch — oder gerade deshalb — säten die Bauern. Nach den vereinzelten Schauern, die zwischen die Dürrewochen fielen, ging das Saatgut in den Boden. Was folgte, war die zweite Trockenheit: die der Politik. Die Pflanzen begannen zu leiden, noch bevor sie richtig Wurzeln geschlagen hatten. Die Bauern sehen das jeden Morgen. Die Minister sehen es in den Berichten.
G. Parameshwara, stellvertretender Ministerpräsident von Karnataka, hat es in einem Wort zusammengefasst: extremely serious. Am Mittwoch dieser Woche beschrieb er die sich ausweitende Dürre im Staat als ernst, forderte die Zentralregierung auf, sofortige Hilfsmaßnahmen einzuleiten, und stellte die Forderung in den Raum, die in der indischen föderalen Grammatik eine eigene Sprengkraft besitzt: die Erklärung der Lage zur calamity of national significance. Eine Katastrophe von nationaler Tragweite. Ein Etikett, das nicht zwischen Landesgrenzen Halt macht.
Was bedeutet das, jenseits der Rhetorik? Es bedeutet den Zugang zu zentralen Notfallfonds, zu besonderen Haushaltslinien, zu einer Aufmerksamkeit, die Karnataka derzeit nicht erhält. Es bedeutet, dass die Verantwortung für das, was auf den Feldern Karnatakas geschieht, offiziell nach oben wandert — dorthin, wo sie seit Monaten nicht hingewandert ist.
Der IMD, Indiens meteorologischer Dienst, hat für August below normal Regenfall vorausgesagt. Westindien, so die Vorhersage, werde in der zweiten Hälfte des Südwestmonsuns am stärksten betroffen sein. Die Karte des Monsuns, so zeigt sich, hat sich gegen den Westen und den Süden des Subkontinents verschoben — gegen genau jene Bundesstaaten, die ohnehin bereits am Rand ihrer agrarischen Reserven wirtschaften.
Hier liegt die Spannung, die dieser Bericht benennt, ohne sie auflösen zu können: Wann wird erklärt, was offenkundig ist? Welcher Schwellenwert muss überschritten werden, damit in Delhi ein Vorgang zur calamity wird? Wer trägt das Risiko, wenn die Zahlen, die Parameshwara nennt — 42 Prozent, 34 Prozent — und die Vorhersagen des IMD nicht ausreichen, nicht ernst genug erscheinen, nicht rechtzeitig genug kommen?
Parameshwara hat an Premierminister Modi persönlich geschrieben. Er hat die Skala der Krise beschrieben. Er hat verlangt, dass die Zentralregierung die vorherrschende Dürrelage als Katastrophe von nationaler Bedeutung einstuft oder Hilfen gewährt, die einer solchen Einstufung entsprechen. Ein Brief, der zwischen Schreibtischen liegt.
Die Bauern Karnatakas warten nicht auf Briefe. Sie warten auf Regen. Und falls der Regen im August ausbleibt, wie der IMD vorhersagt, werden sie auf eine Antwort warten, die aus Neu-Delhi kommen müsste. Die Frage ist nicht, ob die Dürre real ist. Die Frage ist, ob sie anerkannt wird.
Heavy rains in Kerala. Normal to above-normal in Telangana. Below normal in Karnataka. Die Geographie des Monsuns, so zeigt sich, ist auch eine Geographie der Aufmerksamkeit. Wer Regen hat, steht nicht in den Schlagzeilen. Wer Regen braucht, schreibt Briefe.