Die Küste zählt jetzt doppelt
Die Zahlen kommen höflich daher, wie immer wenn man eine Leiche serviert. Eine neue Umfrage sieht die SPD in Mecklenburg-Vorpommern zwei Punkte zulegen, die Grünen knapp über der Fünfprozenthürde, die AfD zwar vorn — und doch hätte das Bündnis Rot-Rot-Grün, rechnet man den Demoskopen nach, eine knappe Mehrheit im Schweriner Schloss. Zusammen, so führt es der NDR vor, ergäben das 46 Prozent — ein Prozentpunkt mehr, als alle übrigen im Landtag vertretenen Parteien zusammengerechnet auf die Waage brächten. Manuela Schwesig könnte, statistisch betrachtet, Regierungschefin bleiben.
Die Mechanik dieses Satzes kennen wir. Eine Zahl wird verschoben, damit eine andere an ihren Platz rückt. Was die Umfragen nicht verraten, ist die Frage, wer in diesem neuen Arrangement das Wort führen wird — und wer den Mund zu halten hat. Die SPD, einst als Volkspartei geführt, ist im ZDF-„Politbarometer" mittlerweile die kleinste der etablierten Fraktionen, überholt von einer AfD, die mit Rekordvorsprung an ihr vorbeizieht. Wer die Hauptstadt zu lesen versteht, weiß, was das für die Provinz bedeutet: Die Signale aus Berlin werden in Schwerin nicht nur empfangen, sie werden verstärkt.
In dieselbe Woche fällt eine Meldung, die nach Strandfund klingt und nach Sektionsbericht riecht. An der Küste Mecklenburg-Vorpommerns werden tote Robben untersucht; Hinweise auf menschliche Einwirkung, so heißt es vorsichtig, liegen vor. Wie viele Tiere es sind, was die Obduktion zeigt, ob die Spuren auf einzelne Täter oder auf eine Methode deuten — darüber schweigen die Behörden mit jener Professionalität, die man sich angewöhnt, wenn man noch nicht weiß, was man später sagen wird. Die Vokabel „Hinweis" ist die diplomatische Form von „Verdacht", und der Verdacht ist die diplomatische Form von dem, was man nicht aussprechen darf, solange Kameras laufen und Mikrofone offen stehen.
Am Wochenende wurde in Schwerin ein AfD-Mann bei einer Demonstration verletzt. Über die Schwere der Verletzung, über den Hergang, über die Frage, ob es sich um eine Randerscheinung handelt — auch hier hält sich die offizielle Sprache bedeckt. Demonstrationen sind in Schwerin keine Seltenheit mehr; dass bei einer solchen jemand zu Schaden kommt, ist es auch nicht. Aber dass es in dieselbe Woche fällt, in der eine Umfrage eine neue Mehrheit verspricht und eine andere Meldung eine neue Wunde zeigt — das ist das, was man gemeinhin Koinzidenz nennt und was eine geübte Lesart als Gleichzeitigkeit erkennt: zwei Nachrichten, die zufällig nebeneinanderliegen und doch zusammen ein Bild ergeben.
Manuela Schwesig hat den Wahlkampf eröffnet, als führe sie ein Land und nicht eine Partei. Die AfD führt die Umfragen an, als führte sie das Land und nicht eine Opposition. Die Grünen rechnen sich Hoffnung aus, weil fünf Prozent in Mecklenburg-Vorpommern schon ein moralisches Alibi sind. Und währenddessen liegen an der Küste Tiere, deren Tod noch keinen Absender trägt und deren Namen in keiner Pressekonferenz fallen werden.
Es ist die alte Konstellation, nur die Kulisse hat gewechselt. Auf der Bühne redet man über Mandate; hinter dem Vorhang zählt man Kadaver. Auf der Bühne zitiert man Umfragen; hinter dem Vorhang zitiert man Protokolle, die niemand sehen soll. Die Welt spielt Schach, und wir sitzen am Rand des Bretts, mit dem Blick derer, die wissen, dass jede Eröffnung ihr Ende schon in sich trägt.
Was bleibt, sind Fragen, die niemand stellt, weil das Stellen gefährlich wäre und das Antworten teuer. Wie viele Robben sind tatsächlich verendet, an welchen Stränden, in welchem Zeitraum? Welche Spuren wurden gesichert, welche Methode angewandt, welche Handschrift — buchstäblich oder im übertragenen Sinne — hinterlassen? Welche Demonstration in Schwerin hat den Mann zum Opfer gemacht, und wessen Kamera hat das Bild aufgezeichnet, das nun in keiner Schlagzeile erscheint? Und vor allem: Wer, in dieser kleinen Hauptstadt am Meer, wird der Erste sein, der die nötigen Worte ausspricht, ohne dass sie ihm später als Geständnis ausgelegt werden?
Man wird es bald wissen. Man weiß es immer erst hinterher.