YEN-ODDITÄTEN — Die Architektur des Schweigens
In den Devisenmärkten dieser Welt gibt es ein Ritual, das älter ist als die Fotografie selbst: Wenn eine Notenbank den Wechselkurs ihrer Währung nicht mehr dem freien Spiel der Kräfte überlassen will, greift sie ein. Sie verkauft Dollar, sie kauft Yen, sie tut es still und mit der Routine einer Hausangestellten, die weiß, daß niemand zuschaut, und sie protokolliert es später in jenen Tabellen, die das US-Finanzministerium alle drei Monate veröffentlicht. So hat es Tokio in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gehalten, und so hat es Washington hingenommen — weil die Vereinigten Staaten ein vitales Interesse daran haben, daß der Yen nicht ins Bodenlose fällt und die asiatische Stabilität nicht zur Geisel der Spekulation wird. Es ist, mit anderen Worten, ein ordentliches Arrangement zwischen zwei Regierungen, die sich nicht immer mögen, aber einander brauchen.
Was aber geschieht, wenn dieses Ritual seine Form verändert? Wenn die Zahlen, die sonst in den Geschichtsbüchern der Finanzministerien stehen, plötzlich Linien zeichnen, die niemand erklären kann, oder Linien, die sich gar nicht mehr einzeichnen lassen — weil sie fehlen?
Unter dem Titel „A Hidden Geopolitical Threat to the Global Financial System? Oddities in the U.S.-Japanese Yen Intervention" hat der Blog „Notes on the Crises" in diesen Tagen eine Analyse veröffentlicht, die genau diese Frage aufwirft. Die Autorinnen und Autoren — sie bleiben, wie es in solchen Kreisen üblich ist, im Hintergrund, ohne Gesicht, ohne Stimme, ohne Klartext — beschreiben Auffälligkeiten in der dokumentierten Yen-Intervention, die, so der Tenor des Beitrags, nicht mehr allein mit konventioneller Wechselkurspolitik zu erklären sind. Man liest von Mustern, die sich wiederholen, und von Momenten, in denen der Yen sich anders bewegt, als es die makroökonomischen Indikatoren erwarten ließen. Die Frage, die der Titel stellt, ist dabei weniger rhetorisch als vielmehr buchhalterisch gemeint: Handelt es sich um eine versteckte geopolitische Bedrohung für das globale Finanzsystem, oder nur um ein statistisches Artefakt?
Die Antwort, man ahnt es, ist offen. Die Bank of Japan hat sich, soweit aus Tokio verlautet, nicht öffentlich geäußert. Das US-Finanzministerium schweigt in seiner üblichen Sprache, die das Schweigen kultiviert wie andere Institutionen das Reden pflegen. Und die Märkte — diese großen, anonymen Tiere, die nur auf zwei Dinge reagieren, auf Liquidität und auf Furcht — notieren weiter Yen-Kurse, als wäre nichts geschehen, als hätte niemand die Frage gestellt, als stünde nicht eine der ältesten Währungen der Welt plötzlich im Licht einer unbewiesenen, aber auch nicht widerlegten Behauptung.
Es ist dies die Architektur des Schweigens, die das internationale Finanzsystem seit jeher zusammenhält: Man spricht nicht über das, was man tut; man tut es; und man wartet, bis die anderen es bemerken. Wer zu früh bemerkt, wird als Spekulant beschimpft; wer zu spät, als Opfer. Die Mittellage — das kühle Beobachten, das geduldige Zuwarten, das Sammeln von Indizien, die noch keine Beweise sind — ist das, was die Terminal Tribune ihren Leserinnen und Lesern empfiehlt, solange die offiziellen Stellen sich in der ihnen eigenen Vornehmheit üben.
Was die Analyse des Blogs indes konkret vorlegt, ist eine Sammlung von Datenpunkten. Es sind Zahlen, die für sich genommen nicht viel sagen: Volumina, Zeitpunkte, Gegenparteien, Wechselkursdifferenzen. Doch in ihrer Zusammenstellung ergeben sie, so die Verfasser, ein Bild, das sich von früheren Interventionswellen unterscheidet — Muster, die in den Siebzigern nicht da waren, Korrelationen, die in den Neunzigern fehlten. Ob dieses Bild Realität oder Konstruktion ist, vermag diese Zeitung zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu beurteilen — dazu fehlt der Zugang zu den Rohdaten der Notenbanken, und dazu fehlt, ehrlich gesagt, die Lust an voreiligen Schlüssen, die in solchen Momenten mehr Schaden anrichten als Klarheit schaffen.
Die Terminal Tribune wird die Entwicklung weiter beobachten. Sie tut es mit der Geduld einer Frau, die in Genf Verträge gesehen hat, die nie eingehalten wurden, und mit dem Blick einer Kolumnistin, die weiß, daß im Finanzsystem jede Wahrheit zunächst einmal eine Behauptung ist und jede Behauptung, sofern sie nur beharrlich genug wiederholt wird, irgendwann zur Wahrheit wird — was umgekehrt freilich nicht gilt.