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'The exciting boring decade' — Etikett ohne Erklärung

8. August 2026 — — — Kastner

Es gibt Sätze, die ihren Widerspruch so selbstverständlich tragen wie ein gut sitzender Anzug. "The exciting boring decade" ist einer davon. Man begegnet ihm, und bevor man die Stirn runzelt, hat man ihn bereits akzeptiert — als handle es sich um eine ausgewogene meteorologische Diagnose: heute sonnig mit Wolken, morgen umgekehrt.

Doch das Etikett, das einer ganzen Dekade angeheftet wurde, leistet mehr als nur Stilübung. Es benennt ein Paradox und verweigert gleichzeitig die Auflösung. Aufregend? Langweilig? Beides? Eine rhetorische Volte, die so elegant ist, dass man leicht übersieht, wie wenig sie eigentlich erklärt.

Wer das Wort "langweilig" benutzt, wählt im Englischen eine Vokabel, die zwischen zwei Bedeutungen pendelt. Etwas kann langweilig sein — also von der Sorte her öd — oder es kann langweilen, also den Zustand des Gequältwerdens erzeugen. Beide Wörter tragen denselben Stamm, und gerade deshalb lassen sie sich so trefflich vermischen, wenn man nichts Genaues sagen will, aber dennoch den Anschein von Urteil wahren möchte. Wissenschaftliche Magazine haben sich dieser Diagnose wiederholt angenommen: Das eine erklärte ein vergangenes Jahrzehnt der Popmusik zur "most boring decade", ein anderes kürte das PC-Jahrzehnt zum "boring decade for personal computers". Beide Befunde stehen im Raum, ohne sich gegenseitig auszuschließen — und ohne zu erklären, warum überhaupt eine ganze Dekade unter ein einziges Adjektiv gestellt werden kann.

Dasselbe Spiel lässt sich mit "aufregend" treiben. Wer aufregt und wer aufgeregt wird, sind zwei verschiedene grammatische Figuren, und das Englische erlaubt es, beide in einem einzigen Adjektiv zu versöhnen. So entsteht das Kunststück: Eine Dekade kann sich selbst aufregen und andere langweilen, und wer das ausspricht, hat — vermeintlich — alles gesagt. "Exciting" meint dann sowohl das Ereignis als auch das Empfinden, und die Verwechslung der beiden Ebenen wird zur rhetorischen Grundlage einer Behauptung, die für beides gleichzeitig gelten kann.

Die Angelegenheit wäre nicht der Rede wert, würde das Etikett nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit gehandelt. Niemand fragt, wer es geprägt hat. Niemand fragt, auf welche Quellen es sich stützt. Niemand fragt, welche Kriterien ein Jahrzehnt zugleich aufregend und langweilig machen sollen. Das Etikett zirkuliert, als wäre es eine Wettervorhersage, die niemand mehr überprüft, weil das Wetter ohnehin schon eingetreten ist.

Und genau hier beginnt das Unbehagliche — nicht im Sinne einer Verschwörung, sondern im Sinne einer schlichten Beobachtung: Eine Diagnose, die sich weigert, ihren Gegenstand zu benennen, ist keine Diagnose. Sie ist Liturgie. Sie wird wiederholt, weil sie wiederholt wird. Sie verlangt keinen Beweis, weil sie selbst der Beweis ist. Wer sie zitiert, beweist sie.

Wer den Satz "The exciting boring decade" hört, sollte fragen: Aufregend worin? Langweilig wofür? Für wen? Durch wen gemessen? An welchem Maßstab? Die ehrlichen Antworten auf diese Fragen — das ist die einzige Nachricht, die an dieser Stelle fehlt. Wir berichten hier über das Schweigen der Sätze, nicht über die Fakten hinter ihnen.

Es gibt Lebensentwürfe, die sich als aufregend inszenieren und deren Rechnung erst nach Jahrzehnten vorgelegt wird — späte Nächte, finanzielle Überdehnung, das ständige Neue. Es gibt andere, die still verlaufen und im Nachhinein als unterschätzt gelten. Beide Modelle werden derzeit simultan beworben, als wären sie Varianten derselben Strategie. Die Dekade, die sich nicht entscheiden kann, spiegelt eine Öffentlichkeit, die es auch nicht kann.

Was bleibt, ist das Etikett. Es sitzt fest. Es erklärt nichts. Und vielleicht ist genau das sein Zweck: ein Wortgebilde, das niemanden verletzt, niemanden einbezieht und niemanden ausschließt — eine Formel, die man unterschreiben kann, ohne ihr zuzustimmen.

In Genf habe ich Verträge gesehen, die niemand las, obwohl alle unterschrieben. "The exciting boring decade" ist das dokumentarische Gegenstück: eine Überschrift, die niemand erklärt, obwohl alle sie verwenden. Die Handschuhe liegen bereit. Das Papier ist blank. Die Tinte trocknet schneller als man denkt.

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